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speechlessly happy? happy speechless?
niemand spricht mit dir, niemand ruft dich an, niemandem musst du etwas zu verstehen geben. ein zustand der glückseeligkeit oder ein horrorszenario?
gerade eben: während ich ein gespräch führe, fiept es in der leitung. mehrmals. was so viel bedeuten will wie: zwei, vielleicht drei nachrichten warten auf mich. während ich also mit einem menschen kommuniziere, tun vier andere menschen das auch mit mir. gut, drei von ihnen quatschen mit meiner mobilbox. wenn ich jetzt noch meiner nachbarin durch das fenster winke, und sie mir mit handzeichen irgendwas zu verstehen geben will, dann wäre früher für mich schon ein gelinder kommunikations-gau eingetreten. nur: heute leben wir im 21. jahrhundert, und dieser umstand verlangt mir ab, dass ich auch online praktisch immer erreichbar bin. während ich also telefoniere, das fiepen der nachrichten höre und meiner nachbarin winke, vernehme ich von meinem computer das sanfte „pling“. pling will mir sagen: du hast eine e-mail. hör endlich auf mit gesprächspartner a zu sprechen und widme dich anderen aufgaben. das gibt mir auch der briefträger zu verstehen, der just in diesem augenblick dreimal an meiner bürotüre klingelt, um mir meine pakete und briefe unversehrt zu überreichen, anstatt sie in das für meine bedürfnisse viel zu kleine postfach zu quetschen. ich finde toll, dass er das tut. dennoch – das eine ohr noch immer am telefon, irgendwelche schlauen dinge sagend – habe ich heute nicht mehr für ihn übrig als ein nettes lächeln und ein leises „danke“. er lächelt zurück und findet mich wahrscheinlich gerade furchtbar überheblich, weil er ja mein telefon nicht ausmachen kann. ganz dem multitasking-gedanken entsprechend telefoniere ich nämlich über die freisprecheinrichtung – damit die hände frei bleiben zum winken, danken, tun und lassen. spätestens jetzt ist es wieder so weit, dass ich mich ins kommunikationslose nirwana wünsche. kein telefon, kein e-mail, keine briefe, keine menschen. ach, was muss das schön sein. und ach, wie würde ich es genießen – ungefähr zwei minuten lang.
nein, auf die sprichwörtliche einsame insel könnte man mich nicht bedenkenlos schicken. weil ich, wie ungefähr 99,9 prozent der menschen, ganz schön süchtig nach kommunikation bin. okay, ich bin kein mensch, der in allen lebenslagen kommuniziert. während interviews und terminen muss man mit meiner mobilbox vorlieb nehmen, auch beim essen oder beim cafe mit einer freundin lasse ich mich ungern stören. plus der anderen lebenslagen, in denen der griff zum telefon, der blick in den briefkasten oder das schreiben einer e-mail einfach tabu sein sollten. macht in summe ganz wenige ausnahmen, in denen ich also meine antennen nicht auf empfang gestellt habe. kein wunder also, dass mein vater nervös wird, wenn er drei tage lang nichts von mir hört. und kein wunder also, dass diese dauernde kommunikationsbereitschaft manchmal ganz schön anstrengt. gleichzeitig kennen wir alle den skeptischen blick auf die telefonleitungen und handydisplays, wenn sich einmal einen halben tag nichts rührt. kein anruf? sonderbar. ich überlege gerade: wäre ein anruf jetzt erlösend? würde ich es toll finden, wenn es jetzt an meiner tür läuten würde? oder soll ich die pause einfach nutzen, um in tiefer konzentration endlich das zu vollenden, was durch dauernde kommunikation gestört wurde? was tue ich also – ich schreibe einen artikel. und während ich in dieser meditativen ruhe in die tasten meines laptops klopfe, höre ich in meinen gedanken jemanden verwundert fragen: „wie also, du füllst kommunikationspausen, indem du mit deinen artikeln nur weiter kommunizierst?“ ja, liebes bewusstsein, das tue ich. aber stell dir vor: diese art der kommunikation ist mir mittlerweile so selbstverständlich, dass ich schon gar nicht mehr bemerke, dass ich dabei kommuniziere.
martina müllner
pool journal