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words like morning dew
„es war einmal ...“ - diese einleitenden worte vieler märchen wecken in jedem von uns erinnerungen und kindheitsträume. mit „wundersam“ klingenden worten lassen märchen leid, glück, träume und fantasie beim zuhörer spürbar werden ... „seelenbilder“ entstehen. am ende jeder geschichte steht der immer wieder kehrende sieg des guten, der unseren menschlichen sinn nach gerechtigkeit reflektiert. die starke kraft der märchensprache wird in letzter zeit auch von vielen erwachsenen entdeckt ...
nie zuvor hatte sie gewusst, dass auch worte schön sein können, und nun erfuhr sie es, und sie sanken ihr in die seele wie morgentau auf eine sommerwiese“. dieses zitat des armenhauskindes malin aus astrid lindgrens geschichte „klingt meine linde“ steht symbolisch für die aura, für die macht des wortes im märchen: kein umstand, keine gar so fürchterliche katastrophe kann je so schlimm sein, als dass es nicht auch einen ausweg geben kann - und sei es eben der rettende anker des wortes, wo schönheit und fantasie gegen grausamkeit und brutalität heroische siege feiern. die unbarmherzigkeit vieler märchen, der unerträgliche schmerz, den viele der dargestellten charaktere durchmachen müssen, stellen den oft mühseligen werdegang des lebens dar. und wie auch in der realität: erst wer sich einem dieser reifeprozesse unterzogen hat, gelangt letztendlich auch zum ziel (seiner träume). ein leitfaden, der die symbolik vieler märchengeschichten begleitet und die darstellenden figuren zumeist abenteuerliche, fantasievolle geschichten erleben lässt, meist eingebettet zwischen traum und wirklichkeit. und wie auch im leben, sind es höhen und tiefen, freude und traurigkeit, liebe und einsamkeit, leben und tod, die die stufen der entwicklung begleiten und zu prägenden erfahrungen des menschlichen daseins werden. viele märchenerzählungen sind dabei sozusagen nicht nur frei erfundene geschichten sondern entstammen menschlichen träumen, ängsten und sehnsüchten. oft bilden sie brücken zu fundamentalen sinnfragen und menschlicher existenz. am ende jeder geschichte überwiegt im märchen das positive, das gute, also die so wichtige, sinnstiftende perspektive im leben – leider oft im gegensatz zur realität ...
dass der augenblick des lauschens einer „wundersamen“ geschichte zum magischen erlebnis führen, „gleichsam das leben verändern“ kann, wie es vivi edström in ihrem buch „astrid lindgren und die macht des märchens“ umschreibt, gehört zu den besonderheiten vieler „wundersamer“ erzählungen. die rhetorik des märchens erlaubt es naturgesetze aufzuheben, unglaubliches zu erleben, ja es besitzt sogar die macht, das tor zum totenreich aufzusprengen, nachzulesen etwa im roman „die brüder löwenherz“. „die bildersprache der märchen sei die sprache unserer seele“, ist die heilpädagogin elisabeth aebischer überzeugt. für aebischer, die in der schweiz „märchenstunden“ für erwachsene abhält, gehören märchen zum menschlichen urerbe, zum kollektiven unbewussten, woraus sich viele erkenntnisse auf das eigene leben schließen lassen. viele märchen entwickeln sich zu einer art rettungsleine in ein anderes land, „ein erträumtes zentrum, von dem aus die welt zu zügeln wäre“. in vielen märchen herrscht ordnung und glück, ist die mutter immer liebevoll, freunde sind loyal, es gibt soziale strukturen, nach denen sich viele menschen heute vermehrt sehnen. das bedürfnis nach liebe und gemeinschaft wird oft nach wilden abenteuern auch erwidert. schleusen und türen zwischen alltag und phantasie, wie es in vielen märchen der fall ist, lassen die grenzen zwischen traum und wirklichkeit verschwinden. der alltag wird mit hilfe der fantasie umgekrempelt. mit der offenbarung des „märchenhaft schönen“ wird die befreiung vom üblichen, von der „normalität“ eingeleitet. „märchen sind für mich der inbegriff der literatur“, ist sich die schriftstellerin uta franck deshalb ganz sicher. durch rhythmus, lyrischen sprachfluss und verse werden fantasiegeschichten beim zuhörer zum „magischen erlebnis“. dass die meisten märchen deshalb in einer höchst literarischen sprache geschrieben werden, verwundert nicht, schließlich hegen viele märchenschriftsteller eine große leidenschaft zur dichtung und bildenden kunst. der genuss an der sprache, an der poetischen formulierung avanciert in vielen märchen zum stilprägenden element: poesie und schönheit, gleichsam als schutzwall gegen den (grauen) alltag und die verrohung der worte - und damit des lebens. dass nicht nur kinder sich der magie märchenhafter darstellungen entziehen können, dokumentieren seit einigen jahren auch kommerzielle märchen- bzw. fantasy-erfolge, siehe literatur-verfilmungen von j. r. r. tolkien’s „herr der ringe“ oder joanne k. rowling’s „harry potter“. auch stilistisch finden sanfte, märchenhafte darstellungen und symbole verstärkt ihren niederschlag, wie bei vielen designs, logos und visuals zu beobachten ist. selbst der pädagogische aspekt des märchens wird in letzter zeit zunehmend entdeckt. „das urwissen aus den märchen könnte frauen und männern einen guten zugang zum innersten bieten“, ist sich die heilpädagogin elisabeth aebischer sicher. die märchensprache, eine sprache der eigenen träume und erfahrungen ...
helmut wolf
pool journal