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häufig gestellte fragen
was inspiriert dich besonders?
mit sicherheit die schwarze tanzkultur, aber eigentlich sind es ganz einfache dinge, die mich inspirieren, beispielsweise ein schöner tag, ein interessantes gespräch ...

was macht dich glücklich?
ich bin glücklich ...

was würdest du sofort ändern, wenn du es könntest?
das bildungssystem! hätten wir in vielen ländern, speziell in afrika, gute bildungs- und schulsysteme, wären viele probleme der welt leichter zu bewältigen.

dein lieblingsort?
im moment würde ich sagen wien, sowohl die lebensqualität als auch der lebensrhythmus sind hier sehr angenehm.

zu welcher musik bewegst du dich am liebsten?
ich liebe perkussion-musik! in meinen tanzstunden wird auch immer live perkussion-musik gespielt, diese intensität kannst du einfach nicht mit musik von der cd erzielen.
body, language
bob curtis spricht nicht viel. als tänzer braucht er das auch gar nicht. seine sprache ist die bewegung, die körpersprache. curtis lebt und kommuniziert energie mit viel ästhetik und leidenschaft. durch seinen körper fließt der rhythmus, der tanz wird zum sprach-, zum ausdrucksmittel. ein getanztes leben als statement für mehr sensibilität, offenheit und sinneskraft.
dieser mann soll 80 jahre sein? man glaubt es kaum. wenn bob curtis, dieser hellwache, sehr schlanke, ja schon fast zarte mann vor einem sitzt oder gar tanzt, strömt eine energie, eine kraft, die einen sofort ansteckt, anregt, inspiriert. gleichzeitig ist da diese angenehme ruhe und gelassenheit, die wunderbare mischung bei menschen mit viel lebenserfahrung und großem weitblick. wo andere schon an ruhe und vielleicht abschied nehmen denken, ist für den in amerika geborenen tänzer, choreografen und maler noch lange nicht schluss. „ich habe so viele ideen, so viele pläne, da findet man gar keine zeit, um an ruhestand zu denken“, betont curtis mit leuchtenden augen. da der tanzkurs auf der griechischen insel zakynthos, dort der african dance-workshop im afrikanischen ghana. hinzu kommt die große hingabe zur malerei, die für den weltbürger curtis ebenfalls wie der tanz „bewegtes“ ausdrucksmittel von gefühlen und nonverbaler kommunikation ist. wer die biographie dieses mannes zwischen 1946 und heute betrachtet, kann in etwa nachvollziehen, woher diese weltoffenheit und ausgeglichene lebens-balance rührt: nach dem militärdienst im 2. weltkrieg, studium sowohl am fine arts-city college als auch an der ballett school in san francisco, in new york an der american ballett school, der metropolitan ballettschool, der primitive ethnic danceschool und der martha graham school, danach als tänzer und choreograf unterwegs in den usa, mexiko, kuba, haiti, später in europa nach frankreich, nach italien, wo curtis ende der sechziger jahre in rom die erste zeitgenössische tanz-gruppe in italien gründete, und wo er heute noch sehr viel zeit verbringt. schließlich österreich, wien, wo er als tanzlehrer an der ballettschule der wiener staatsoper arbeitete und heute lebt, arbeitet, tanzt ...

lieber bob, du lebst in wien, sprichst aber nur englisch, wie fühlt es sich eigentlich an, in einem land zu leben, ohne deren sprache zu sprechen?
eigentlich ist es ein sehr unabhängiges, freies gefühl. du kannst die dinge sehr neutral betrachten, bist nicht so involviert in tägliche ereignisse im unmittelbaren umfeld. es bedeutet in einer art freiraum zu leben. ich lebe generell auf verschiedenen emotionalen ebenen, ohne je zu sehr in einer sache verstrickt zu sein. ich habe viele freunde hier und auf der ganzen welt, mit denen ich mich austausche, über viele dinge spreche und natürlich interessieren mich viele themen und veränderungen auf der welt. auch wenn manche leute behaupten, es sei so eine art flucht vor problemen, für mich bedeutet es freiheit.

hast du dich als kind auch schon immer gerne bewegt, hast gerne getanzt?
nein, eigentlich nicht. es gibt keinen bestimmten grund, keinen familiären oder künstlerischen background. meine eltern waren einfache farmer in mississippi, und als ich in den 30er jahren des vorigen jahrhunderts aufgewachsen bin, gab es nicht sehr viel. ich besuchte dann einige musicals, die mich sehr faszinierten, wobei zu tanzen begann ich eigentlich erst sehr spät, so mit 20, nach meinem militärdienst. ich zog nach san francisco, studierte kunst und besuchte später eine der besten ballett-schulen der welt. einige lehrer an der san francisco-ballett school meinten, ich hätte vielleicht gute chancen auf eine professionelle tanz-laufbahn. anschließend bin ich nach new york gegangen, wo mein tanzendes leben seinen lauf nahm. anfang der 50er jahre kam ich nach europa: paris, rom, wien ...

du malst auch sehr viel ...
ja, natürlich, seit über 60 jahren. malen ist für mich wie tanzen. all dein körper, deine energie, dein verstand bewegen sich, fließen – entweder auf der bühne oder eben in das gemälde. ich kommuniziere mit farben und motiven ebenso, wie wenn ich auf der bühne stehe und vor publikum tanze. beides, tanzen und malen, haben dieselbe ausgangsbasis - das innere des körpers, und sind mit dem geist und den sinnen verbunden.

glaubst du, dass menschen, die über ein gutes rhythmusgefühl verfügen, das leben vielleicht sogar besser, intensiver spüren?
die bewegung, der rhythmus, die körpersprache war vor der sprache da. es ist die natürlichste art und weise überhaupt, sich zu verständigen. und je mehr wir uns von unseren ursprüngen, den natürlichen bewegungen entfernen, desto mehr entfernen wir uns von den grundlagen des lebens. viele menschen bewegen sich leider ab einem gewissen alter nur noch sehr wenig, fahren mit dem auto, sitzen im büro, sitzen vor dem fernseher, sitzen im café usw. jedoch, wenn ich mir die jungen leute ansehe, dann suchen diese wieder verstärkt nach bewegung in der musik, in der diskothek, beim break- und street-dancing. der tanz ist die ursprünglichste, natürlichste art der körpersprache, das ist pure kommunikation. als ich in meinem heimatland amerika aufgewachsen bin, war es ganz natürlich, in der kirche und unter religiösen gruppen zu tanzen. in der black community war und ist die tanzende bewegung identitätsstiftendes element.
wenn du deinen körper im rhythmus wiegen kannst, es zulässt, erfährst du sehr viel über dich selbst. und wenn du oft mit dir selbst in kontakt trittst, behältst du auch das gefühl für natürlichkeit und soziale wertigkeit, lässt dich weniger von außen beeinflussen.

ballett, modern-dance, afro-dance - du „bewegst“ dich in vielen tanzbereichen. worin liegen für dich die unterschiede zwischen einer poetischen ballett-bewegung und einer energiegeladenen african-dance-einlage?
angefangen hat bei mir ja alles mit klassischem tanz und ballett. als ich dann in new york war, lernte ich katherine dunham auf der „primitive ethnic danceschool“ kennen, dort trat ich erstmals sehr stark in kontakt mit schwarzen tanzkulturen - von blues bis zu african, jazz usw. auf der martha graham dance school schließlich erhielt ich einen guten einblick in zeitgenössischen tanz, einer sehr modernen, ästhetischen ausrichtung. dieser mix aus verschiedensten tanzgenres hat mich sehr geprägt.
der unterschied zwischen den verschiedenen tanzrichtungen liegt im grundsatz. während ballett oder zeitgenössischer tanz, wie sie martha graham definierte, sehr kontrolliert sind, versuchst du bei african-dance aus deinem innersten zu schöpfen, den ganzen körper deiner energie, deinem gefühl auszuliefern. african-dance ist ja aus einem religiösen, spirituellen fundament entstanden, einem kollektiven gefühl des miteinanders. dabei geht es um gemeinsamkeit und den emotionalen effekt.

könnten sanfte, graziöse tanz-bewegungen, poesie und schönheit ausstrahlend, vielleicht sogar ein mittel gegen gewalt und krieg sein?
auf jeden fall! tanzen ist das statement gegen gewalt schlechthin, eigentlich gegen jegliche form des negativen. ich finde auch, dass in den schulen und öffentlichen bildungs-einrichtungen viel mehr getanzt werden sollte. eigentlich ist das ja eine politische entscheidung, denn jeder mensch, der tanzt, der sich friedlich zu musik bewegt, ist weit weg, um an gewalt oder sonst irgendeinen blödsinn zu denken. es muss ja nicht gleich professioneller tanz sein. tanzen macht frei, befreit, ja es fördert sogar das denken und sensibilisiert für das soziale miteinander. zudem können tanzende bewegungen sehr spirituelle momente sein, die einem auch über manches hinweg helfen. viele leute, erwachsene leute, die bei mir angefangen haben zu tanzen, erzählen mir, dass sie sich nun deutlich wohler, ausgeglichener fühlen. es ist einfach so: wenn du dich viel bewegst, bewegst du dich auch besser im leben.

der musiker carlos santana meinte einmal, „die frau ist die melodie und der mann der rhythmus“, was sagst du zu dieser aussage?
(lacht) ich meine, der mann und die frau sind beides, melodie und rhythmus. ich würde das eher nicht so trennen wollen ... zudem hat sich in den letzten jahren sehr viel verändert, auch männer sind bereit, „weiblicher“, femininer zu denken. sie sollten also durchaus melodie und rhythmus vereinen können.

du bist der lebende beweis, dass jung sein absolut nichts mit dem alter zu tun hat, vielmehr mit der einstellung zum leben, zum eigenen geist und körper zu tun hat. was bedeutet für dich persönlich alter?
wenn du dich immer mit neuen projekten, visionen, ideen beschäftigst, wirst du nicht alt. o.k., ich bin 80 jahre, aber noch voll energie und leidenschaft. ich bin direktor einer dance-company, mache workshops in deutschland, frankreich, griechenland, österreich, italien, frankreich, russland und in den usa. gerade bereite ich eine große kunstausstellung in italien vor. ich tue einfach ... zwar nicht mehr so wie mit 20, jedoch immer und alles mit einer großen hingabe.

was sagst du generell zur beschleunigung unserer zeit, zu wechselnden trends?
trends sind gut in der modewelt, wo immer wieder neues gefragt ist. du kaufst dir ein modestück, dann gibst du es weg. im leben finde ich aber trends nicht so wichtig, teilweise auch nicht gut, wenn dir beispielsweise „schlechter geschmack“ als trend verkauft wird. ich trinke gerne guten schwarzen tee, und der ist immer gut, hat kein ablaufdatum. natürlich sind neue dinge gut und wichtig zur weiterentwicklung, die dinge sollten aber für einen längeren zeitraum gültigkeit haben, nicht nur temporär. ich habe seit 20 jahren eine jacke von missoni, die ist noch immer wunderbar. qualität ist ebenfalls ein wichtiges kriterium, das keinem trend unterliegt. ich meine, wir sollten gute dinge kaufen und nicht billige oder trendige.

wie beurteilst du die soziologische entwicklung, dass die europäische gesellschaft zunehmend älter wird, andererseits sich erwachsene immer jugendlicher kleiden, sich so „bewegen“ wie ihre eigenen kinder ...?
ich habe ein problem damit, wenn sich menschen „verkleiden“ statt bekleiden, sich ihre persönliche mode vorgeben lassen. jeder sollte entsprechend seiner eigenen individuellen persönlichkeit kleidung und lebensstil wählen. das problem ist, dass viele menschen sich eine andere persönlichkeit aneignen wollen. viele menschen wissen oft selber nicht mehr, wer sie sind, welche identität sie haben, wohin sie wollen. oft ist es dann eben der fashion-designer, die kirche oder der tanzlehrer, der die suche nach halt und identität erfüllen soll.
helmut wolf
pool journal