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häufig gestellte fragen
wovon träumst du? von einer besseren welt
was inspiriert dich? die schönheit der welt
wo liegt dein lieblingsort?
in der mitte des waldes, am gipfel des berges, in der mitte des ozeans
wofür nimmst du dir besonders viel zeit?
für das träumen, für das fantasien entwickeln, für das erfinden von märchen mit zentauren (griechischen fabelwesen) und einhörnern
was macht dich glücklich?
die schönheit der welt
luft und schlösser
der ballsaal in mystisches licht gehüllt, verwunschene feen tanzen an den wänden, sirenenartige melodien erklingen, traumhafte schattentänzer, engel und schmetterlinge schweben durch die luft. über den schlosspark ziehen sternzeichen, begleitet von einer riesigen eidechse ... die nacht der „metamorphosen im schloss chambord“ im französischen loire-tal ist ein magisches phantasie-ereignis. jedes jahr im sommer werden tausende besucher in den bann dieser magischen inszenierung gezogen. als „traum-gestalter“ agiert die pariser kreativagentur skertzo, in der auch helene richard ihre ideen verwirklicht ...
ganz langsam tritt eine gestalt aus der dämmerung. eine dunkle gestalt, die stolz am waldrand durch das hohe, dunsterfüllte gras schreitet. es scheint früher morgen zu sein, nur die silhouette dieser mystischen „erscheinung“ ist zu erkennen. nach einigen momenten dreht sich die gestalt langsam um ... und ... verwandelt sich in einen stolzen hirsch mit mächtigem geweih. noch ein kurzes flackern aus den augen des tieres, bevor es wieder im dickicht des waldes verschwindet ...
eine von vielen „traumhaft-virtuellen“ szenen, denen der besucher beim nächtlichen schlossrundgang im „chateau de chambord“ im französischen loire-tal begegnet. in den sommermonaten wird aus dem schloss mit seinen insgesamt 365 (!) türmen bei einbruch der dunkelheit ein verwunschenes märchenschloss. schon von weitem verwandelt sich das ehemalige jagdschloss dann in eine traumhafte kulisse, wo auch die besucher mit ihren laternen eine große rolle spielen. dicht verwachsene dornen und äste ranken sich an den außenmauern des schlosses, im inneren schweben engel, schmetterlinge und feen. klassische musik erfüllt die viele meter hohen räume und säle. im grossen ballsaal vollziehen schattentänzer ihre kunstvoll-graziösen ballettsprünge, die besucher staunen ob der geheimnisvollen atmosphäre. über die zwei berühmten, ineinander verschlungenen wendeltreppen schreitet der nächtliche besucher dann mit seiner laterne hinauf bis zur balustrade, von wo aus sich ein prachtvoller rundblick auf die unzähligen, beleuchteten schiefertürme und den großen schlosspark bietet. als krönender abschluss ziehen sternzeichen und eine riesige eidechse, das wappentier, über den dunkel verhüllten schlossgarten ... dazu erklingen geheimnisvolle klänge aus dem off, tanzen kobolde und historische gestalten an den mauern. der besucher ist indes völlig im bann der traumhaften mystik gefangen, träumt ...
inszeniert und gestaltet wurde dieses beeindruckende schlossspektakel von der französischen kreativ-agentur „skertzo“. das team aus paris ist spezialisiert auf (traum-)projektionen und inszenierungen der besonderen art und verzaubert mittlerweile auf vielen internationalen ausstellungen und events in europa. helene richard vom skertzo-team „phantasiert“ im gespräch mit pool über die grenze zwischen traum und wirklichkeit, über die grenze zwischen tier und mensch, und warum gerade heute so viele menschen vom träumen träumen ...

liebe helene, wo liegt die grenze zwischen traum und wirklichkeit?
wir menschen haben die wahl, wo und in welchem bewusstseinszustand wir uns befinden wollen. was wir „wirklich“ sehen möchten. eigentlich gibt es für mich keine grenze zwischen traum und wirklichkeit. natürlich muss man aufpassen und sich nicht zu sehr den oft verrückten abgründen der träume hingeben. wenn sich jemand nur in traumwelten bewegt ist das natürlich auch nicht gut und es besteht die gefahr, in eine welt der illusionen abzudriften. ein gesundes mittelmaß ist der idealweg.

wie bringt man menschen zum träumen?
zuerst sollte man seinen eigenen träumen und phantasien nachgehen. träume hören und „erfühlen“: was bringt mich zum träumen, was bezaubert mich, was „trägt mich weg“, welches leben in einer anderen welt möchte ich erforschen? es ist sehr einfach und sehr kompliziert in einem. wie in einem traum denken wir ja ständig, wir haben den schlüssel gefunden, und plötzlich ist er weg, verloren, und finden ihn nie wieder. jemanden zum träumen zu bringen ist für uns ähnlich inszenierbar. man könnte es so umschreiben: zuerst bringen wir dem menschen ein verlockendes klingel-geräusch von schlüsseln zu gehör, danach laden wir ihn ein, mit uns die wirklichkeit zu verlassen und sich bewusst zu werden, dass es auch eine andere welt gibt. diese andere welt ist sehr sicher, es gibt viel zu entdecken, auch bei sich selbst. das wichtigste dabei ist die phantasie ...
das hört sich alles sehr schön und „traumhaft“ an. aber wir leben heute in einer hoch technologisierten umwelt, wo alles sehr schnell, sehr pragmatisch abläuft. glaubst du „träumen“ die menschen deshalb wieder mehr von den ganz ruhigen, einfach schönen momenten?
selbstverständlich, die leute suchen nach ruhe und frieden. heutzutage müssen wir ja möglicherweise mit noch schlimmeren und grösseren ängsten leben als unsere vorfahren es je mussten. unsere generation weiß ganz genau, dass der mensch nicht nur die menschheit zerstören kann - denn das böse und das leid alleine waren zu banal - sondern dass der mensch das feuer der götter und dessen macht gestohlen hat, um nun die fähigkeit zu haben, seine eigene welt zu vernichten. die angst ist nicht mehr die angst vor gottes rache, und vor dessen auswirkung im sündenfall nur noah einen ausweg finden würde, es ist die angst vor der zerstörung der menschen ihrer selbst. so als ob das letzte tabu gebrochen wurde und in sich zusammen fällt.
jeder von uns trägt das kind in sich, welches vor der dunkelheit, der gewalt zittert. es scheint so, als würde heute mittlerweile selbst der raueste, coolste und am wenigsten romantische typ von uns von einer tiefen umarmung, von momenten der ruhe, der zärtlichkeit träumen. das ist sicherlich zum kollektiven wunsch geworden.

was war euer erster gedanke, als ihr den auftrag bekommen habt, ein nachtspektakel in einem schloss wie chambord zu inszenieren?
meine erste reaktion war, „wow, super“! der zweite gedanke: aber es wird sicher nicht einfach. schloss chambord ist einer der besonders mythischen plätze, denen man sich mehr mit furcht und respekt nähert als allen anderen schlössern im loire-tal. normalerweise wissen wir ganz gut bescheid über die geschichte von gebäuden, von wem und warum sie erbaut wurden. ob sie königliche schlösser waren, schlösser für damen, welche ritter welche rollen inne hatten usw. viele schlösser sind schön, wichtig, was immer ... aber sie haben alle nicht dieses spezielle geheimnis. schloss chambord gehört zu den „obskuren kräften“ im sumpfland. wie in venedig wurde hier auf wasser gebaut. aber anders als in venedig: man sieht es nicht. es gibt keine genauen aufzeichnungen, es war nie bewohnt, und man kann nur aus der veränderung des morasts gewisse „zeichen“, elemente ablesen. chambord ist ein platz, den die leute besuchen, wo jedoch niemand bleibt. in wirklichkeit hat es zurecht die bezeichnung „jagdschloss“, weil es umgeben ist von tausenden hektar wald. der wald versteckt das gebäude (mit über 5000 hektar größter forstpark europas!) und würde es möglicherweise sogar verschlucken, es für 100 jahre vergessen lassen. die energie von chambord ist irgendetwas aus der feuchtigkeit des waldes, der nähe zu den tieren und dem atem.
das schloss stellt auch eine grenze der zeit dar. chambord wurde in einer zeit gebaut, in der man sich von den dunklen und magischen kräften des aberglaubens verabschiedete und in das aufgeklärte zeitalter der renaissance trat. eine sehr rationale zeit mit klaren regeln und mathematischen formeln, aber auch mit großem verständnis und dem licht der vernunft. es wurde eine neue sprache entwickelt, das universum erforscht und eine neue form der fantastischen poesie entwickelt. auch das verhältnis zum körper hat sich dabei verändert. uns hat vor allem das „dazwischen“ interessiert. was passierte zwischen diesen zeiten, zwischen diesen welten, in denen sich die menschen aufmachten, von den dunklen waldwegen zum himmlischen glitzern der städte, des lichts, der erneuerung.

schattentänzer, liebesgeräusche hinter verschlossenen türen, engel und feen tanzend auf alte gemäuer projiziert, dazu bezaubernde musikklänge, und überall leuchten die besucher mit den laternen. was für ein gefühl wollt ihr bei den besuchern dieser nächtlichen schlosswanderung erzeugen?
chambord ist die quintessenz eines schlosses. es ist einzig und allein als ausdruck des ruhmes errichtet worden und sollte die stärke eines königs (francois der I.) darstellen. ein sehr theatralischer ort. während des tages wurde hier viel geträumt, weil das schloss so leer und so groß war. in der nacht wurde es dann von fantastischen geschöpfen bevölkert ... wir laden die nächtlichen gäste mit unserer inszenierung dazu ein, an dieser geschichte teil zu haben. die besucher und laternen lassen das schloss wieder erwachen, aufleben. wir wollen den geheimnissen dieses ortes „nachträumen“, wie es war und ist, dunkelheit in mächtigen gemäuern zu empfinden, ohne angst zu haben. eine gewisse wärme zu spüren, gebettet in einer weichen und zarten magie, gleich einer himmlischen stadt ...
chambord ist ein mythisches, magisches schloss und hat viele märchen inspiriert. ein roman von rittern hat auch francois den I. dazu angespornt, dieses gebäude zu errichten. es kann nicht nur auf einen reinen repräsentationsbau beschränkt werden, sondern stellt sich als ort der gemütsruhe dar, als symbol des friedens und als plattform für tausende und abertausende träume ...

metamorphose bedeutet ja die verwandlung eines menschen in ein tier, in eine pflanze oder in unbelebte natur, was in der griechischen und römischen mythologie aber auch in vielen märchen und dichtungen vorkommt. spielt ihr mit „den metamorphosen von chambord“ auf diese mystische sehnsucht der menschen nach der einheit mit tier und umwelt an?
der traum vom „zentaur“ (griechisches fabelwesen mit pferdeleib und menschlichem oberkörper, angeblich auf dem peloponnes wohnhaft, anm.). viele von uns haben sicher schon einmal von so einem mythischen tier geträumt. und ob nun traum oder albtraum, wir schlüpfen in die haut eines tieres, fasziniert von der kraft, der schönheit, der sinnlichkeit ... es ist aber ein widerspruch der menschheit geworden, sich in die natur einzufügen und sie gleichzeitig zu beherrschen. als jäger sind wir zum arm des todes geworden. eigentlich geht es bei der metamorphose um den tiefen wunsch, den sehnsüchtigen traum der menschen, eine form der unsterblichkeit zu finden.

ist träumen eine art flucht vor der realität oder wichtiger bestandteil unseres lebens? man sagt ja auch oft ein wenig abwertend „denke dir bloß keine ‘luftschlösser’ aus ...“
träumen entwickelt wissen. träumen ist das verbindungsmittel zum kollektiven unbewussten. unser wissen über das universum bezogen wir zuerst aus dem traum darüber. unser menschliches gedächtnis erinnert uns immer wieder daran, dass wir aus dem staub der sterne entstanden sind ... zuerst war alles ein traum, der uns schließlich gelehrt hat, dass die erde rund, der mond kein felsen am himmel ist, und dass sich über unserem universum viele tausend andere (universen) entfalten, ohne ende ...
helmut wolf
pool journal