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a car just like life
kann ein auto symbol für ein ganzes land sein? ist es möglich, dass ein auto sogar ähnliche charaktereigenschaften der menschen in diesem land annimmt? die automarke ambassador in indien kann dies. technischer fortschritt und mobilität auf der einen seite, und eine seit den fünfziger jahren nahezu unveränderte grundstruktur auf der anderen seite repräsentieren all die typischen elemente und widersprüche des indischen lebens. alles bleibt irgendwie immer gleich, aber dennoch wird laufend der versuch unternommen, neue nutzungsmöglichkeiten zu entdecken. ein auto wie das indische leben ...
die auto-werkstatt als herz und seele indischen lebens. hier wird gebastelt, anregend geplaudert und dem liebevollen chaos gehuldigt. in der werkstatt im südindischen bundesstaat kerala, inmitten öliger fahrzeugteile und offener motorhaube, sitzt ein in weiß gekleideter, stolzer herr und wartet auf sein fahrzeug der marke ambassador. seit über einem halben jahrhundert hat sich an diesem fahrzeug nahezu nichts verändert und es scheint, als könnte auch die reparatur seines wagens ewig andauern. mit indischer gelassenheit wartet der besitzer - gemütlich in einer ausgebauten autositzbank - darauf, dass die fahrtüchtigkeit seines ambassadors wieder hergestellt wird. sein auto ist in viele einzelteile zerlegt und es scheint fast unvorstellbar, dass aus diesen tausend teilen wieder ein fahrbares auto zusammengesetzt werden soll. hast oder eile bei den vermeintlichen mechanikern? keine spur - im gegenteil. der reparaturvorgang entwickelt sich immer mehr zum ereignis, zum treff und es gesellen sich mehr und mehr leute der näheren umgebung hinzu, um zu tratschen, zu diskutieren und sich zu amüsieren. die reparaturgeräte scheinen zum großteil provisorisch oder selbst gebaut zu sein, ja sogar die reisschüssel wird zum einfetten der teile umfunktioniert. ein typischer alltag in indien.
bis in die neunziger jahre hinein war der ambassador nahezu das einzige auto, das sich neben den heiligen kühen und ochsenkarren auf den indischen straßen schneller bewegte. in den letzten jahren gesellten sich zwar andere automarken ebenfalls hinzu, die markanteste optik auf den straßen hat aber nach wie vor das britisch anmutende fahrzeug behalten. der zusammenhang zum britischen formenelement ist auch nicht von der hand zu weisen. der ambassador ist ursprünglich ein lizenznachbau des britischen models „morris oxford“, welches zwischen 1954 und 1959 gebaut wurde und in indien unter lizenz (fast) unverändert bis zum heutigen tag produziert wird. im profil erinnert das auto an eine design-mischung zwischen londoner taxi und englischer melone („bowler hat“). die technische entwicklung hat zwar in den letzten fünf jahrzehnten einiges an aufwertungen gebracht, strukturell ist das fahrzeug jedoch gleich geblieben. als vorzüge gelten die bodenfreiheit, die beim befahren indischer straßen sehr wesentlich ist, eine durchgehende sitzbank im vorderen bereich, als auch das durchaus großzügige raumangebot, worin auch die begründung liegt, dass das auto sehr oft auch als bequemes taxi für touristen genutzt wird.
ebenso wichtig für den langjährigen erfolg des ambassdors war zudem die möglichkeit, selbst viele reparaturen am auto durchzuführen und damit dem basteleifer vieler inder nachzukommen. zwar macht sich trotz vieler ausbesserungsarbeiten und basteleien sehr häufig der rost bemerkbar, was aber mit dem tuning diverser accessoires wie zusatzscheinwerfer, fensterblenden oder radzierkappen wieder ausgeglichen wird und einen ganz eigenwilligen charme entwickelt. einzig die anschaffung neuer reifen scheint eine nahezu unleistbare investition in indien zu sein. die reifen sind meist mit „alljahres-profil“ ausgestattet und werden bis zum gewebe abgefahren. der weg in den nächsten „car workshop“, wie die werkstätten genannt werden, scheint damit unweigerlich - macht den indern aber gar nichts. schließlich ist die gesellige reparatur in der lokalen werkstätte ein durchaus abwechslungsreiches ereignis ...
helmut wolf
pool journal