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green and the world
grün ist das lockmittel im supermarkt, die lieblingsfarbe vieler kinder und dank kaiser nero schon im alten rom politisches statement – es gibt einfach den ton an. aber grünes ketchup? theoretisch gesehen ein klasse einfall der lebensmittelindustrie, praktisch bewiesen ein absoluter reinfall. jede farbe hat ihre wirkung und wir eine sehr genaue vorstellung davon, was wie auszusehen hat.
bei grün gehen wir über die strasse, denken an umweltforschung, füße in ledersandalen und natürlich an spinat. was grün ist, ist erlaubt, gesund und frisch - in diese farbe setzen wir unsere hoffnung.
genau wie seiner zeit der römische kaiser nero. die motive dafür waren allerdings weder politisch begründet, noch hatten sie etwas mit der symbolkraft der farbe oder des kaisers liebe zur natur zu tun – dafür mit der liebe zum pferderennen. schon damals hatte jeder rennstall in der arena sein eigenes markenzeichen: die farbe. nero, seines zeichens leidenschaftlicher anhänger der „grünen“, setzte nicht nur all seine hoffnung in deren sieg, sondern trug auch privat nur noch grün und machte die farbe gleich noch politisch: seinen zornausbrüchen bei niederlagen fielen immer ein paar der blauen zum opfer, denn die hatte er einfach zu revolutionären erklärt. die vertrauensfrage lautete demnach: „grün, oder nicht grün?“.
noch einen großen herrscher verbinden wir mit der farbe grün: napoleon bonaparte. grün war seine erklärte lieblingsfarbe – was ihm letzten endes auch zum verhängnis wurde. definitiv, er starb an einer vergiftung, das ist klar. und wer höchstwahrscheinlich dahinter steckt, jetzt endlich auch: die nach eigenem wunsch grün angestrichenen wände seines exils in st. helena. damals stellte man grün noch mit arsenhaltigen stoffen her, deren dämpfe napoleon langsam aber sicher vergifteten. es heißt ja nicht umsonst bis heute „giftgrün“.
in erster linie ist grün natürlich die farbe der natur. oder sehen nur wir das so? hört man sich beispielsweise die waliser an, deren landschaft so viele grünschattierungen kennt wie kaum eine andere, wird man sie mit mehr als 17 verschiedenen worten von der farbe blau, aber mit keinem einzigen von der farbe grün sprechen hören. dafür gibt es keinen eigenen begriff – wozu auch.
aus der arabischen sprache ist grün dagegen nicht wegzudenken. der überlieferung nach war es die lieblingsfarbe des propheten mohammed und wurde damit zur farbe des islam – und der hoffnung. ja, auch die araber setzen ihre hoffnung ins grüne. wie eine sage beispielsweise erzählt, führt ein grüner geist, der al-chadir, nomaden in der wüste immer zum wasser, wenn sie dieses mal wieder nicht selbst finden.
missverständnisse könnte es dagegen mit den franzosen geben. für sie ist grün nicht die hoffnung, sondern die furcht. verwundert etwas, dass sie trotzdem bei grün über die ampel gehen. die italiener wiederum drücken mit grün gerne auf charmante art und weise anstehende geldprobleme aus. und obwohl der farbe im russischen eigentlich keine genauere bedeutung zugeschrieben wird, hatte schon der expressionist wassily kandinsky eine meinung zum grün: es ist „wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende kuh, die nur zum widerkäuen fähig mit blöden, stumpfen augen die welt betrachtet“. jedem das seine.
jedenfalls ist grün noch viel mehr als die hoffnung, die natur und die farbe der moslems. zum beispiel die lieblingsfarbe amerikanischer kinder. wie us-studien ergaben, reagieren sie besonders gut auf die farbe in verbindung mit essen, was auf den ersten blick verwundert – keine assoziationen zu salat und gemüse? scheinbar nicht. doch bei den müttern erzielte grün genau diese wirkung. also alle ungeahnten vorteile der farbe in bezug auf junge hungrige menschen mit vernünftigen müttern in einen topf und heraus kommt logischer weise: grünes ketchup. ganz klar. dachte sich zumindest das us-unternehmen heinz und brachte im september 2001 das grüne „ketchup nur für kinder“ auf den markt. doch die innovation kam nicht an. das lag weder an geschmack, geruch oder konsistenz, sondern einzig und alleine an der farbe.
in bezug auf essen und seine farbe, egal ob natürlich oder chemisch, sind wir besonders heikel. farbstoffe wollen wir weder unerwartet addiert noch schlagartig wieder subtrahiert wissen. kein grünes ketchup und auch keine farblose crystal-pepsi – noch so ein produkt, dessen „natürliche“ farbgebung beinahe dem ideenreichtum mutiger marketingcracks zum opfer gefallen wäre.
wir legen also einerseits hoffnung in grüne dinge wie ampelmännchen und hegen andererseits misstrauen gegenüber grünem ketchup? ja, denn farbe ist für uns viel mehr als eine optische erscheinung. sie transportiert gefühle, stimuliert, warnt, zieht an und symbolisiert zustände. sie besitzt symbolkraft und schafft identität. und bestehende farbvorstellungen können nicht einfach so umgedreht werden. zu viel verbinden wir mit den einzelnen farben, als dass man sie vor unseren augen einfach bunt durcheinander würfeln könnte. und eines ist und bleibt ganz klar: pommes gehören rot-weiß.
isabel baier
pool journal