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who am i today?
auch wenn sie sich bemühen: mit allem, was sie am körper tragen, symbolisieren sie irgendjemand, irgendetwas. eine symbolik, die mehr als einen flüchtigen gedanken verdient.
kurz bevor ich das haus verlasse, werfe ich einen kontrollierenden blick in den spiegel in unserer diele. wer bin ich heute? was symbolisiere ich heute meinem gegenüber? und was gebe ich heute von mir preis? mein ebenbild wirkt heute zugeknöpft, sieht nach arbeit aus. kein wunder, ich habe ja auch alle merkmale einer beschäftigten frau gewählt. die wollhose mit feinem nadelstreif, die weiße bluse, der blaue blazer. alles an meinem outfit symbolisiert: ich verstehe, wovon ich spreche, ich bin kompetent in meinem beruf. fast ebenso wichtig wie der visuelle check, ist der „label-check“, der in meinem kopf abläuft. eine tatsache, die mich immer wieder erstaunt, da ich alles andere bin als ein labelfetischist. an kaum einem teil meiner garderobe kann man lesen, von welcher marke es stammt, selbst bei schuhen und taschen trübt es meine kauffreude, wenn sich die marke ablesen lässt. alle sichtbaren labels versuche ich abzutrennen, stücke mit prominentem labelaufdruck kommen mir nur selten ins haus. auch von meiner brille habe ich den ach so begehrenswerten markennamen am seitlichen bügel entfernen lassen. warum dieser aufwand? weil ich um die symbolik der marken weiß, weil ich mich hauptberuflich darum kümmere, die stilwelten verschiedener modelabels nachvollziehbar zu machen. je mehr ich über diese symbolik erfahre, umso bedeutender erscheint es mir, mich von all diesen merkmalen und symbolen zu befreien. denn auch wenn ich eine tasche von ihnen trage, ich will nicht teil der gucci-symbolik sein. denn das tragen von symbolen kommt einem bekenntnis gleich: ja, ich mag die produkte dieser marke, ja ich bin stolz, ein teil von der marke zu besitzen. und ein solches bekenntnis bin ich selten bereit für eine einzige marke abzugeben. es wäre schön, wenn ich mich durch meine logo-verweigerung also schon den zwängen, die symbole mit sich bringen, entziehen könnte. kann ich aber nicht, ebenso wenig wie es jeder andere konsument kann. denn mit meinem anderen zugang zu kleidung bin ich nur einem weiteren stereotyp zuzuordnen. denn auch menschen wie ich sind voll von symbolen, codes, die für den kenner ebenso lesbar sind. also hüte ich mich tunlichst vor dem gedanken, dass irgendetwas an meiner kleidung individuell ist. eine einstellung, die vor allem daher rührt, dass ich selbst keinen einschränkenderen dresscode kenne als jenen von menschen, die bemüht sind möglichst individuell zu erscheinen.
das ranking meiner „lieblings-uniformen der individualität“ wird angeführt von der post-grunge generation. schon als wir noch als teenager nirvana hörten, fühlten wir uns unglaublich außergewöhnlich und frei von allen textilen normen. ein unübertreffbares symbol unserer freiheit war das berühmte che-guevara-t-shirt, weltweit millionenfach verkauft und sogar von jeansgiganten wie replay für sich entdeckt. der widerspruch zwischen einem verkaufserfolg und echter individualität störte diese generation schon damals nicht, genau wie sie heute, der revolution ein wenig entwachsen, darauf schwört, aus h&m-klamotten einen individuellen stil zu kreieren. sicher, da sind nuancen in den outfits, die den einen vom anderen unterscheiden. aber dennoch weisen mir hundert kleine symbole und „symbölchen“, wie ich den träger zu klassifizieren habe.
besonders hübsch anzusehen finde ich erzwungene individualisten, wenn sie in gruppen auftreten. als ich kürzlich eine veranstaltung einer künstlerin besuchte, war mir sofort klar, als ich den saal betrat: hier stemple ich mich selbst zur außenseiterin. denn ich outlaw war in femininer, aber korrekter kleidung gekommen, trug hohe schuhe und eine abendtasche. die masse meiner betont individuellen gegenüber konnte man auf eine hand voll symbole reduzieren: hennagefärbtes haar, dunkle kleidung mit – mein neues schimpfwort – einzelstückcharakter, dazu ein tuch in einer kontrastfarbe (wahlweise rot, orange oder gelb) und ausgesprochen auffälligen schmuck, der immer eine note von etwas selbstgebasteltem hatte. man unterhielt sich, doch über den tiefen graben, den unsere gegensätzlichen symbole bedingten, kam es nie wirklich zum brückenschlag. in gedanken wusste ich: genau wie ich ihre symbole gering schätze, so geht es auch meinen gegenübern. auf dem heimweg amüsierte mich der gedanke, dass jemand so viel zeit darauf verwendet, als individuell zu gelten und dennoch zum stereotyp gerät, mich natürlich eingeschlossen. die komik der situation zauberte mir ein lächeln aufs gesicht und wer weiß, vielleicht habe ich sogar das eine oder andere mal laut lachen müssen, als ich zu später stunde durch die verlassenen gassen wanderte. dass meine füße vom ganzen tag auf hohen schuhen schmerzten, war wohl das symbol, das den abend krönte. und in gedanken begann ich bereits, diesen artikel zu schreiben.
martina müllner
pool journal