08
 
   
musik/zeit/raum
wie alle formen der kunst ist musik ein unmittelbarer ausdruck ihrer jeweiligen zeit. ignoriert man diesen aspekt, so steht sie bezugslos im leeren raum. kann es demnach so was wie „zeitlose musik“ überhaupt geben?
unter dem schlagwort „zeitlose musik“ versteht wohl jeder etwas anderes. plattenfirmen verleihen dieses prädikat jenen künstlern, deren platten sich auch über lange zeiträume hinweg gut verkaufen und als meilensteine ihres genres gelten. von diesem standpunkt aus gesehen ergibt sich die zeitlosigkeit der musik also aus ihrer reinen verfügbarkeit als ware. sie wird als kulturelle wegmarke glorifiziert, aus ihrem temporären kontext gerissen und somit für zeitlos erklärt. bands wie die beatles oder die rolling stones haben zweifellos großartige songs geschrieben und werden in schöner regelmäßigkeit von einer neuen, jüngeren käuferschicht wieder entdeckt. macht die präsenz in den regalen der plattenläden ihre musik aber deshalb zeitlos?
wer die ‚roaring sixties’ miterlebt hat, für den repräsentieren diese bands nicht nur die erinnerung an die eigene jugendzeit, sondern vermutlich auch ein gefühl von aufbruch, erneuerung und widerstand – die musik holt die politischen, ökonomischen und ideologischen werte einer vergangenen epoche zurück. so gesehen funktioniert die musik vergangener tage als zeitmaschine. sie erinnert entweder an den moment der ersterfahrung oder schickt die zu-spät-geborenen auf eine imaginäre reise, zurück in die vergangenheit. wenn musik es schafft, für den konsumenten ein bestimmtes lebensgefühl zu konservieren, löst sie sich aus ihrem temporären rahmen und wird zu einem lebendigen dokument ihrer epoche – im besten fall bleibt auch ihre brisanz und aussagekraft erhalten und kann auf gegenwärtige ereignisse übertragen werden.
die protest-songs aus der zeit des vietnam-konflikts lassen sich beispielsweise ohne große probleme auf jeden krieg übertragen, der seither geführt wird oder wurde. das beweist aber lediglich die zeitlosigkeit ihrer botschaft, nicht die der musik. wie alle formen der kunst ist auch musik ein unmittelbarer ausdruck ihrer zeit und reflektiert die sozialen, politischen, ökonomischen und ideologischen umstände (bzw. utopien) ihrer entstehung. so verschiebt sich mit dem faktor zeit auch die rezeption der musik an sich – was in den 60er-jahren rebellisch und wild klang, wird heute kaum mehr jemanden aufregen. bands wie die sex pistols oder the clash, die ich während meiner schulzeit für den inbegriff von verwegenheit und widerstand gegen bestehende ordnungen hielt, empfindet mein ohr heute als relativ brav und gesittet.
künstler wiederum bezeichnen ihre musik gerne als zeitlos, wenn sie sich einer anerkannten form bedient und bereits bestehendes in geringfügiger veränderung neu präsentiert. zeitlos meint hier weniger die beständigkeit des werks, sondern suggeriert eher ein gefühl der verbundenheit mit bereits bekanntem und vertrautem. das kopieren von etablierten spielarten populärer musik, mitunter sogar ganzer aufnahmeprozesse, stellt das gegenteil eines künstlerischen fortschritts dar. bei kritischer betrachtung versteckt sich hinter dem vermeintlichen qualitätsprädikat zeitlos nämlich eine form von musik, die nur noch als zeuge einer verblichenen epoche dient oder diese zu reproduzieren versucht. in ihrer negativsten ausprägung ist zeitlose musik (wie sie uns von diversen formatradios um die ohren geknallt wird) somit das gegenstück zu lebendiger, experimenteller, zeitgenössischer musik und wirkt dementsprechend territorialisierend und verhärtend.
anders verhält es sich bei der individuellen auslegung des begriffs der zeitlosigkeit. zeitlose musik - nämlich die, die man immer wieder gerne hören mag - zeichnet sich vor allem durch einen individuellen emotionalen anker aus, der uns zurück in die eigene vergangenheit wirft. persönliche erlebnisse, wie der erste kuss, die maturareise oder unsere hochzeit sind häufig mit einem ganz bestimmten song verbunden: „erinnerst du dich noch an unser lied?“ längst vergangene ereignisse werden plötzlich wieder lebendig. die erinnerung an orte, farben, gerüche und die emotionale qualität des zeitpunkts kehrt zurück und lässt einen sehr intimen bezug zu einem bestimmten stück musik entstehen. dabei scheint es überflüssig, ob man den entsprechenden song damals überhaupt mochte – er wird durch seine verkettung mit den ereignissen reingewaschen und wertfrei. ich selbst werde mich, für immer, bei maxi priest’s „close to you“ an ein mädchen im roten kleid erinnern. und ich könnte nicht behaupten, diesem song aus irgendeinem anderen grund einen platz in meinem gedächtnis einzuräumen.
roman schilhart
pool journal