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martha cooper - „hiphop files. photographs 1979-1984.“
präsentiert von zeb.roc.ski.
das buch kann über carhartt-stores bezogen werden
b-boys break beats
hiphop ist eine wunderbare sache, wenn es darum geht, sich zeit anzueignen. kein anderer stil arbeitete von anfang an so vehement damit, sich selbst zu samplen. die new yorker fotografin martha cooper hat diese periode rund um breakdance, graffiti und „urban culture“ mit all der gebührend schrillen und farbenfrohen dreistigkeit der frühen jahre ins richtige licht gerückt.
die allgemein angenommene zeitrechnung des hiphop beginnt um 1979 in den new yorker ghettovierteln queens, bronx und lower east side. dabei sind derartige zuordnungen nichts anderes als vereinfachender humbug, weil jeder dir eine andere geschichte erzählen wird, und jede dieser geschichten wahr ist. hiphop ist ein perfektes beispiel dafür, wie aus geschichten geschichte entsteht. in der „oral culture“, der hiphop entstammt, wird das reden über etwas als kunstform betrachtet. es gibt somit keine allgemein verbindliche „wahrheit“; das wäre so, als könnte jemand schlüssig erklären, was hiphop sei, als gäbe es nur eine wahre und echte form des hiphop. indes war hiphop schon immer das zugeständnis daran, die meinung des anderen zu respektieren. kultureller austausch ist dafür notwendig. wenn hiphop nicht in der lage wäre via sampling kulturelle überlebensstrategien zu schaffen und sich beim besten aller kulturen frank und frei zu bedienen, wie hätte diese einstmalige ghettokultur zur, neben rock’n’roll und punk, wichtigsten populären kunstform des 20. jahrhunderts aufsteigen können?
wie kaum ein anderer stil lebt hiphop von der mythisierung seiner eigenen geschichte und ist gleichzeitig so auf die „roots“ versessen. die new yorker fotografin martha cooper war zur richtigen zeit am richtigen ort. mit ihrem fotoband „hiphop files. photographs 1979-1984“ über die breakdance- und graffitiszenen in new york hat sie jene lücke in der beschäftigung mit frühem hiphop geschlossen, die nach dem vor zwei jahren erschienen „back in the days“ von jamel shabazz (mode) und dem aus dem selben jahr stammenden „yes, yes y’all: the experience music project: oral history of hiphop’s first decade“ von jim fricke/charlie ahearn (djing/rapping) klaffte. angereichert ist dieses umfassende bilder-kompendium aller erster güte mit interviews damaliger – und teils noch immer aktiver – szenengrößen. diese standen dem initiator des buchs, dem betreiber des kölner hiphop-web-archivs akim walta aka zeb.roc.ski, rede und antwort. mit dabei sind graffitiautoren wie zephyr, futura2000 oder rammellzee, b-boys wie crazy legs oder frosty freeze von der rocksteady crew aber auch leute wie afrika bambaataa und fab 5 freddy, die sozusagen das „gute gewissen“ des hiphop repräsentieren.
aber wie war das damals eigentlich mit den schuhen? martha cooper dokumentiert auch jene szenen, in denen sneakers praktisch überlebensnotwendig waren. schließlich waren die u-bahn-züge rutschig im berüchtigten „yard-3“ new yorks, wo sich die sprayer trafen. das waghalsige „breaken“ auf den pappmappen auf der straße wurde von den kids sowieso als sport betrieben, aus den besprühten ghettoblastern dröhnten dazu die neuesten grooves. hatten damals bei hip hoppern schuhe und bekleidung eher einen funktionellen charakter, so gehört heute das eigene klamotten-label in der community praktisch zum guten ton: „shady“ von eminem, die hochverehrte linie „2pac“, „sean john“ von p.diddy oder – mehr richtung streetstyle – „phat farm“ vom ehemaligen defjam-rec.-betreiber russel simmons zählen wohl zu den bekanntesten. gutes schuhwerk ist praktisch ein kontinuum seit damals. ohne angesagte treter bist du einfach nicht cool. es hat aber in den letzten jahren doch eine gewisse trendumkehr stattgefunden, wie collins, besitzer des wiener hiphop-ladens touchdown erzählt: „früher legte man mehr wert auf das outfit, und die schuhe waren ziemlich „sporty“ á la adidas, nike, puma usw., wenn du dir „run dmc“ oder noch frühere beispiele ansiehst. heute trägt man als hip hopper eher einen casual-stil und dazu feines schuhwerk, beispielsweise von timberland“.
martha coopers leistung war es, ende der siebziger bis anfang der achtziger jahre mit ausgeprägter zivilcourage und jeder menge neugier den kids in die abbruchreifen hinterhöfe der ghettos, in die ungeheizten keller und schulsportplätze zu folgen, ihre aktivitäten auf bild zu bannen und so der nachwelt zugänglich zu machen. das abenteuer hiphop konnte beginnen - mit dem buch „hiphop files“ ist man nun mitten drinnen in diesen ersten tagen.
im nachfolgenden interview erzählt die fotografin martha cooper über die anfänge der hiphop-kultur als beginn einer neuen kunstform und großen energiequelle:

liebe martha cooper, wie entstand eigentlich das buch „hiphop files“?
nach meinem buch „subway art“, das ich zusammen mit dem fotografen und kurator henry chalfant 1984 herausgebracht hatte, habe ich eigentlich nicht mehr daran gedacht, ein buch zu veröffentlichen. denn obwohl „subway art“ mittlerweile zu einem der meistverkauften kunstbücher geworden ist, waren die reaktionen am anfang alles andere als positiv. vor fünf jahren wurde ich von akim walta aka zeb.roc.ski kontaktiert, weil er ein cover-bild für seine cd suchte. er sah meine bilder und schlug vor: lass uns ein buch machen! ich bin ein visueller mensch, daher haben mich rapping und djing weniger interessiert als graffiti und breakdance. damals folgte ich leuten, die großteils „anonym“ waren – und es noch immer sind. die sprayer machten ja keine aufnahmen von ihren „pieces“ und schon gar nicht von ihren kollegen.

wie gestaltete sich das straßenleben damals und heute?
die szenen waren damals sehr durchmischt: schwarze, puerto ricaner, kubaner, latinos, aber auch viele weiße. wenn du tanzen konntest, warst du drinnen. diese szenen manifestierten sich nicht ungedingt aus kulturellem widerstand heraus sondern aus einem „do-it-yourself“-ansatz gelangweilter kids auf der straße. dieses kreative potential ist heutzutage verschwunden. nicht nur wegen verbesserter wohnverhältnisse mit satelliten-tv, sondern auch weil die eltern die kinder nicht mehr unbeaufsichtigt auf die straßen lassen. das klima ist misstrauischer geworden, aids hat vieles verändert.

jeder erzählt seine eigene geschichte über den beginn dessen, was später hiphop genannt wurde. ihre erinnerungen?
der event „graffiti rock“ 1981 war sicher wichtig. henry chalfant war meinem wissen nach der erste, der für diese veranstaltung djing, rapping, brakdance und graffiti zusammenbrachte. diese mischung wurde ein paar jahre später von europa als komplettes „paket“ importiert. bei „graffiti rock“ waren all die wichtigen kunstleute aus der hiesigen szene da: keith haring, charlie ahern, der ein jahr später „wild style“ drehte oder tony silver, dessen 1983 produzierter film „style wars“ höchst einflussreich wurde. obwohl: ich war die einzige auf den sets, die fotos machte. mit der „hollywood“-version des breaking im ’84er-film „beatstreet“ war’s vorbei: ab dann wurden diese kunstformen zu einer art „common sense“.

inwieweit haben die aufbruchsjahre sie persönlich geprägt?
ich bin seit fast 20 jahren als fotografin in der urbanen folklorekunst in der non-profit-institution „city lore“ tätig. von daher bin ich mehr am sozialen zusammenleben der leute interessiert als an einzelnen performances. ich höre noch immer nicht hiphop. ich wollte die energie dieser momente einfangen. vielleicht brauchten die breaker- und graffitiszenen eine außenstehende person, noch dazu eine weiße frau, die die werke der schwarzen jungs nicht als vandalismus sondern als straßenkunst sah.
heinrich deisl
pool journal