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foto: kristyan geyr
zeit empfinden
zeit ist ein nicht greifbares phänomen, mit dem wir alle tagtäglich leben. im allgemeinen glaubt jeder zu wissen, was zeit ist, was es mit der zeit auf sich hat. doch wer versucht, zeit zu erklären, wird sich dabei ebenso schwer tun, wie beim versuch liebe zu beschreiben.
festhalten kann man auf jeden fall, dass es sich bei zeit um etwas ebenso für unser leben wesentliches handelt, wie bei der liebe! oder etwa vielleicht doch nicht? ohne liebe leben kann keiner ... aber ohne zeit leben die meisten. na ja, wohl eher nicht! denn ich meine, wer ohne zeit lebt, der lebt nicht. der hat keine zeit zum leben - denn: zum leben braucht man zeit. zeit für sich selbst, zeit für seine(n) liebste(n), zeit für seine familie, freunde, kollegen und mitmenschen. zeit für bildung, für genuss, für kultur. mit dem persönlichen zeitempfinden ist es ja auch so eine sache: zuerst, so als baby oder kleinkind, spielt zeit erst mal keine wahnsinnig wichtige rolle. gesteigertes interesse gibt es höchstens wenn es heißt, wie oft noch schlafen bis zum geburtstag oder bis weihnachten. ansonsten ist zeit einfach da und man denkt so gar nicht darüber nach.
dann fängt man ganz allmählich an die dimension zeit zu entdecken. meistens im bezug auf die eigene lebenserwartung. mit dem ansatz „wenn ich später mal groß bin, dann ...“ werden erste versuche unternommen, diese unglaubliche, schier unendliche dimension auszuloten. trotz eines gewissen philosophischen ansatzes bleibt es bei einer relativ oberflächlichen beschäftigung mit diesem gedankenspiel. als jugendlicher wird es dann schon etwas tiefgründiger. am lagerfeuer, unter nächtlichem sternenhimmel, gemeinsam mit der clique oder frisch verliebt, arm in arm im leichten rausch der ersten alkohol- oder cannabiserfahrungen, gewinnt das thema zeit für das jugendliche, nach selbstfindung verlangende, bewusstsein an bedeutung. aber egal von welchen unterschiedlichsten standpunkten aus man das thema zeit als jugendlicher betrachtet, eins bleibt immer gleich: man hat unendlich viel davon und es liegt noch unendlich viel vor einem. die vorstellung, das lebensalter von 30 jahren je zu erreichen, ist so etwas von surreal, dass einem das mehr als unwahrscheinlich vorkommt.
als ich dreißig wurde, war es - obwohl ich es nicht wollte - schon so ein ding. ich hatte in meinen endzwanzigern ja schon vermutet, dass ich es überleben würde dreißig zu werden - trotzdem war mir zuerst einmal zum sterben schlecht. aber natürlich war das alles nur einbildung, denn eigentlich war ich ja kerngesund. nun, es hat einige wochen gedauert das zu verdauen und mich darauf einzustellen, dass ich wohl auch vierzig, fünfzig oder gar sechzig und älter werden würde.
zeit hat da plötzlich eine ganz neue und sehr große dimension gewonnen. viel zeit liegt vor einem - sehr viel zeit. schön, sehr schön. nun schreite ich positiv in die zukunft, werde verbindlicher und packe die dinge an - und eh man sich versieht, hat man einiges am start: freunde, lebensgefährtin, job - und schnell auch nachwuchs. da kommt dann rasch einiges zusammen und wieder ändert sich das empfinden für die zeit ... und zwar dahingehend, dass man das gefühl hat, keine mehr zu haben. wenn ich heute mal reflektiere, dass ich einst am morgen nicht den abend kommen sah, dass ich mir als jugendlicher nicht vorstellen konnte dreißig zu werden, dass sechs wochen sommerferien schon eine ewigkeit waren ... und im gegensatz dazu heute, mit 37 lebensjahren, ohne probleme mir ein jahr anschaue, 365 tage ... 52 schlappe wochenenden - ein zeitraum, den ich ohne weiteres schon mal verplanen kann - dann ist das ein ziemlich gravierender unterschied auf die wahrnehmung von zeit.
ich kann nur vermuten, wie sich zeit im hohen alter anfühlt. ich vermute, das leben wird zu einem überschaubaren zeitraum. vieles wird einem vorkommen als sei es dahingerast. momente - die einem einst alles bedeuteten - nur noch einzelne bausteine einer vergangenheit. eigentlich kein wunder, wenn man bedenkt, dass sich die erde mit einer geschwindigkeit von ca. 1.600 km/h um die eigene achse dreht und dabei die sonne mit über 100.000 km/h umkreist.
ps: da ich weder an himmel und hölle, noch eine sonstige form von leben nach dem tod (außer in der wahrnehmung der hinterbliebenen und nachkommen) glaube, bleibt eigentlich nur, ein berühmtes zitat anzuführen: carpe diem.
kristyan geyr
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