08
 
   
keine angst vor der zeit und ihren zeichen
mit der zeitlichen ausdehnung der jugend ist viel geld zu verdienen. in der kosmetik, in der mode. doch wie viel jugend verträgt der mensch?
schauplatz bread & butter in berlin. bei dieser modemesse trifft sich im halbjahrestakt beinahe die gesamte branche. kein wunder, dass ein solcher termin auch zum schaulauf der eitelkeiten dient. meine bleibende erinnerung sind gruselig junggebliebene menschen. frauen, die sich in ihren 50ern geben wie teenager – und auch gleich deren modische stilelemente kopieren. ihre körper ausgemergelt, abgehungert zur androgynen figur einer 13jährigen. sie stecken in furchtbar angesagten jeans und tragen bauchfreie spaghetti-trägertops und stelzen auf hohen hacken durch den lieben langen messetag.
bei männern bietet sich ein ähnliches bild. ergraute schläfen konnten selbst seriöse businessmänner nicht davon abhalten, sich in t-shirts mit mickey mouse vorne drauf zu präsentieren. ich frage mich, ob diese ewig jungen menschen kinder haben. oder ob sie darauf verzichteten, weil sie ihr älterwerden lieber nicht vorgeführt bekommen wollen? noch vor wenigen jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich erwachsene und best agers jugendlicher kleiden als 20jährige. weil sich damals das älterwerden eines menschs auch in dessen kleidung manifestierte. sie wurde ein bisschen weniger sexy, weniger offenherzig, dafür umso eleganter und korrekter. regeln, die in unserer zeit außer kraft gesetzt sind. wie alles, das früher die „zeitzonen“ eines lebens regelte. verlobung und heirat anfang zwanzig, die kinder in den mitzwanzigern, arbeiten bis sechzig und ehe bis dass der tod ...
regelwerk, das heute keine gültigkeit mehr hat. denn die 50jährige, die sich in röhrenjeans und tanktop auf shoppingbummel begibt, findet jede berechtigung, das so und nicht anders zu tun. sie ist schlank und fit genug, außerdem frisch geschieden und wieder auf partnersuche. gesicht und körper zeigen dank der hilfe von wundercremen nur mäßige spuren der hautalterung – warum also nicht?
gleicher „tatort“, ähnlich vertracktes bild. eine junge frau, noch keine zwanzig jahre alt, gibt sich auf der modemesse superelegant, korrekt, fast bieder gekleidet. sie trägt alle insignien der luxusfashion. kostspielige schuhe mit dezentem logo, die feinsten stoffe, tasche, schlüsselanhänger und timer verleugnen nicht die teure herkunft. jede geste ist kontrolliert, jeder blick bewusst gesetzt, jeder satz wirkt professionell. auch sie finde ich gruselig. sie spiegelt den aus den fugen geratenen begriff von alter, zeit und vergänglichkeit genauso wieder, wie der opi im mickey mouse t-shirt. so nimmt sich jeder von der zeit, was er begehrt. mit dem passenden kostüm wird aus der mittelschulabsolventin eine toughe geschäftsfrau und umgekehrt. ob beide über den ausflug in ein anderes alter, in eine andere zeit glücklich sind?
während ich diese gedanken hin- und herwälze, komme ich zu keiner antwort. ist es spießig sich zu wünschen, dass sich menschen ihrem alter entsprechend verhalten, dass menschen akzeptieren, dass jede mode ihre zeit hat? wie werde ich selbst denken, wenn meine jeans und t-shirt zeit vorbei ist? werde ich aufhören, t-shirts mit sprüchen drauf zu tragen, wenn ich bemerke, dass sie meiner nichte besser stehen? oder werde ich sie dann erst recht tragen? werde ich je wieder beginnen, miniröcke zu tragen? denn diese zeit, so habe ich zumindest beschlossen, ist auch für mich schon vorbei. und werde ich cardigans plötzlich lieben, wenn ich erst 60 bin?
werde ich mit meinen enkelkindern wieder auf rockkonzerte gehen, oder werde ich dann von der guten alten zeit sprechen? werde ich mit 70 noch arbeiten oder bereits mit 55 im vorruhestand sein? wird zeit und alter für mich eine größere bedeutung bekommen oder wird sie irgendwann verblassen? welche rolle wird die zeit in unserer gesellschaft spielen? werden wir endlich zeit haben, sie zu genießen?
martina müllner
pool journal