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häufig gestellte fragen
was inspiriert sie besonders?
die kontinuität des arbeitens, die konstanz des tuns ist meine inspiration.

für was nehmen sie sich besonders viel zeit?
leider nicht für meine kinder, derzeit in erster linie für meine arbeit.

ihre lieblingsstrecke mit dem auto?
die route des crêtes bei marseille, eine ganz tolle küstenstraße. eine straße, die im grunde keinen sinn macht, weil sie den berg rauf und runter führt ...

ihre lieblingsmusik beim autofahren?
musik von mary j. blige

ihr lieblingsauto?
mein lieblingsauto ist mein erstes auto: ein käfer-cabrio, baujahr 1966. das auto habe ich mir hart erarbeitet, und es besitzt vom gestalterischen design her alle attribute, die ein klassisch-zeitloses auto haben muss.
zeit, formen, sprache
welche produkte können von sich aus behaupten, seit über 40 jahren das bild auf den straßen dieser welt maßgeblich mitgeprägt zu haben? der mini kann es, gilt heute als visuelles dokument der zeitlosigkeit. ursprünglich als kleines auto für die breite masse konzipiert, erfreut sich der schnittige city-flitzer heute größter beliebtheit. gert hildebrand, chef-designer des mini, weiß worin die besonderheiten dieses autos liegen, warum gute konzepte immer gültigkeit haben werden ...
„kult kannst du nicht kreieren,“ betont gert hildebrand mit nachdruck. hildebrand weiß sehr gut, wovon er spricht. immerhin ist er seit über drei jahren chef-designer des möglicherweise kultigsten, zeitlosesten autos, das je erfunden wurde: des minis. „vom original zum original“ spricht der leidenschaftliche ästhet und anhänger des schönen und vom großen respekt vor bestehendem, vor der geschichte, nicht nur im zusammenhang mit diesem auto. attribute wie zeitlosigkeit und kult entwickeln sich erst dann, wenn menschen, szenen ein produkt annehmen, es verwenden und in ihr leben integrieren. so wichtig die emotionale formensprache, das design, auch sein mag, ebenso wichtig und geradezu essentiell bleibt die funktion, der wahre nutzen eines produkts, betont hildebrand. vor allem beim auto wird das fundamentale zusammenspiel zwischen design und funktioneller qualität klar dokumentiert. die hohe akzeptanz des minis seit über 40 jahren weist auf die bestechende gültigkeit des grundkonzepts hin. gutes bleibt immer gut.
im nachfolgenden gespräch legt der mini-chefdesigner gert hildebrand seine sichtweisen über visuelle umweltverschmutzung, werte und zeitlose klassiker dar.

worin lagen die ursprünglichen beweggründe ende der 50er jahre, ein auto grundsätzlich so klein zu gestalten?
grundsätzlich entsprang der mini einer überlegung der britischen regierung. es galt, anlässlich der damaligen ölknappheit im jahr 1956, ein benzinsparendes mobil für die masse zu entwickeln. es sollte ein auto mit kleinstmöglicher verkehrsfläche und größtmöglichem innenraum erfunden werden. mit dieser aufgabe startete british motor cooperation, drei jahre später kam der wagen dann in serie. gestaltet und konzipiert wurde der mini von alec issigonis, einem griechen aus der türkei, der nach england auswanderte. ein durchaus interessanter punkt, denn obwohl der mini als sehr britisches auto angesehen wird, besitzt er doch einen internationalen background. in den letzten 40 jahren ist der mini sozusagen sehr viele wege gefahren: 1963 mutierte er zum sportauto, ende der sechziger jahre zum symbol der pop- und hippie-kultur und schließlich heute, wo er als chices lifestyle-gefährt in vielen metropolen der welt zum stadtbild gehört. es fand sozusagen eine metamorphose statt. er entfernte sich immer mehr von der aufgabenstellung, hin zu einem hochpreisig-luxuriösen auto.
für mich als designer ist dieses auto deshalb so interessant, weil es so viele verschiedene bewegungen mitgemacht hat und vom massenverkehrsmittel zum kult avancierte, dadurch zeitlos geworden ist. andere produkte sind durch diese sozialen umschichtungen vom markt verschwunden, der mini nicht. dies dokumentiert auch die gültigkeit des konzepts.

mit der bezeichnung „mini“ wird sozusagen schon im vorhinein festgelegt, das auto nie anwachsen zu lassen ...?
es geht vielleicht eher um die proportion als um die kleinheit. die formensprache des mini hat auch etwas mit der typologie der menschen zu tun. es gibt drei typen von menschen: das kleine kind, den mann und die frau. es mag jetzt vielleicht ein bisschen arrogant klingen, aber ein auto ist immer auch eine persönlichkeit, ist aufgebaut wie ein mensch: es besitzt ein gesicht, hat augen, einen hintern, eine glatze, einen körper usw. man geht ja grundsätzlich erst über die visuelle kommunikation auf ein produkt zu. der mini deckt von seinen proportionen her das kindchen-schema ab, weckt beim menschen einen gewissen behüterinstinkt, wirkt sozusagen „knuddelig“: kleiner körper, großer kopf. gleichzeitig vermittelt er durch seinen stabilen stand, seine „muskulösen schultern“, auch eine form von männlichkeit, wirkt beschützend (im inneren des autos). hinzu kommt eine feminine, skulpturartige erotik, die beim betrachter auch den sinnlichen nerv anspricht, den technokratischen aspekt in den hintergrund rückt. diesen ausgewogenen balance-akt bei der konstruktion hat der griechische erfinder des mini, alec issigonis, mit sicherheit intuitiv vollzogen, so etwas kann nicht geplant werden.

wirkt solch eine historie wie sie der mini aufweist, für sie als chef-designer eher einschränkend oder befreiend?
eigentlich habe ich ja mit dem auto überhaupt nichts zu tun (lacht), sitze ja nur zufällig oder glücklicherweise da ... nein, spaß beiseite. ich bin jetzt seit über drei jahren bei bmw, und als ich diese position angeboten bekam, war das auto ja schon fertig. ich bin also in einem glücklichen und unglücklichen zustand. glücklich so ein spannendes projekt zu leiten, unglücklich nicht behaupten zu können, dieser wagen stamme von mir. ich kann durchaus neutral behaupten, dass dies wirklich ein super-job ist. die qualität, die formensprache, die umsetzung vom original zum original ... dieses auto ist einfach etwas ganz besonderes, ist kult. diesen kult kannst du aber nicht kreieren, du kannst als unternehmer oder designer nicht einfach sagen: so, ich nehme jetzt einen teil, ein produkt und daraus soll jetzt kult entstehen - das geht so nicht. erst durch die verwendung, durch die benutzung des konsumenten entsteht dieser prozess. beim launch des neuen minis haben wir beispielsweise so einen prozess zum kult miterlebt. gleichzeitig mit der präsentation wurde der neue mini auf der schwulenparade „christopher street day“ in london verkleidet, gefeiert und als symbol der freiheit präsentiert. so eine aktion hätten wir nie steuern können ...

warum glauben sie, finden gerade retro-designs und ästhetik-elemente aus vergangenen zeiten so großen anklang bei den menschen?
renaissance gab es immer schon in der geschichte. natürlich werden retro-elemente sehr oft bei produkten angewendet, die eine gewisse geschichtliche oder konzeptionelle lücke in ihrer historie haben. im bezug auf den mini ist das ja nicht der fall. der mini heute ist ein authentischer nachfolger und deshalb kein retro-auto. das auto ist immer gebaut worden, vom jahr 1959 bis heute, jedoch musste er natürlich den aktuellen sicherheitsstandards und ergonomischen bedingungen angepasst werden. die menschen sind heute um durchschnittlich acht cm größer als damals. klimaanlage, audio-features usw. vieles ist hinzugekommen, dies alles braucht mehr raum. wenn ich heute wieder die gleiche aufgabenstellung hätte ein kleines auto zu gestalten, ich käme mit sicherheit zu einem ähnlichen ergebnis. mini hat diese emotionale formensprache konserviert, ist nicht mehr kopierbar. in verbindung mit bmw ist zudem noch ein hoher, qualitativer premium-anspruch in bezug auf technologie und ausstattung hinzugekommen.

könnte diese sehnsucht der konsumenten nach zeitlosen „klassikern“ - philosophisch gesprochen - auch eine suche nach der wahrheit sein? eine suche nach „wahren“ antworten, produkten, in einer zeit der austauschbaren, kurzlebigen, wertlosen dinge ...?
es gibt diese beiden kontrapunkte stil und mode: stil hat man, mode kauft man. wenn du glückt hast, hast du stil, resultierend aus deiner erziehung, deiner kindheit, was auch immer. mode dagegen ist eine kurzlebige sache. mode befriedigt jene leute, die immer etwas neues wollen, vielleicht aus sich heraus nicht so glücklich sind, und die sich über kurzlebige instrumente definieren und das nach außen zeigen wollen. das ist ja auch absolut o.k., wir machen ja auch nichts anderes. als designer ist das dein tool, immer wieder etwas neues hervorzubringen, damit sich der markt bewegt.
man muss ja auch sagen: wir sind hier nicht als reine künstler engagiert sondern müssen dem unternehmen wirtschaftlich dienen. auf der anderen seite haben wir eine große verantwortung, nämlich mit einem neuen produkt das alte nicht ungültig zu machen. vielen marken passiert es, dass sie mit der neugestaltung eines bewährten produktes, das alte nicht mehr erkennbar machen. es könnte der wert gerade deutscher premium-marken sein, es immer geschafft zu haben, eine konstanz gegenüber den alten kunden zu halten, aber trotzdem immer wieder neuigkeiten einzubringen, damit das auto begehrlich bleibt. das ist eine ganz wichtige botschaft. es muss eine gewisse sicherheit beim kauf eines autos da sein, der kunde darf sich nicht betrogen fühlen. immerhin ist der autokauf die zweitgrößte investition der menschen nach dem haus. der terminus klassik, den der mini repräsentiert, heißt für mich langlebigkeit. es gibt auch klassische architektur, in der man heute noch gerne lebt, das klassische kleine schwarze, das die frau weiterhin gerne trägt und ähnliches mehr.

tradition und fortschritt liegen oft sehr eng nebeneinander. warum glauben sie, ist ein traditionsauto wie der mini vor allem bei modernen, progressiven menschen so beliebt?
es gibt autos, die in der grundbasis immer ein klassisches design hatten: der käfer, der cinquecento und auch der mini. diese fahrzeuge wurden von ingenieuren entworfen, nicht von designern, wie ich einer bin - obwohl ich mich selber auch eher als technisch getriebenen
designer sehe. alle drei autos wurden nach herstellungstechnischen bedingungen entworfen, so etwas veraltet nicht, wird nicht unzeitgemäß. man könnte auch so sagen: alle produkte, die sich der methode „form follows function“ verschreiben, haben kein zeitliches ablaufdatum. dasselbe gilt ja auch bei der mode. klar ändern sich immer wieder kleine details, schnittformen, kombinationen - die fundamentale basis jedoch bleibt immer bestehen. viele kreative lieben den mini nicht aus lifestyle-gründen, sondern weil er eine gewisse sicherheit ausstrahlt - im sinne von gültigkeit. vielleicht geht es den leuten auch um einen ausgleich zu den vielen kurzlebigen dingen des alltags. so wichtig das design ist, wenn die funktion ergonomisch und fahrtechnisch nicht gewährleistet ist, wird ein produkt nicht akzeptiert.

stichwort ästhetik und geschmack: wie beurteilen sie eigentlich die allgemeinen derzeitigen design-trends?
wir haben hier neben der unternehmerischen eigentlich auch eine gewisse gesellschaftliche verantwortung beim produkt-design. ich spreche in diesem zusammenhang immer von der sogenannten „visuellen umweltverschmutzung“. was da alles täglich an schrecklich-aggressiven werbungen, plakaten, pr-aktionen auf uns hernieder geht, ist eigentlich eine frechheit. dies kommt teilweise schon einer visuellen zerstörung des menschlichen geschmacks nahe. auch im kunstbereich wird ja leider immer häufiger das zerstörerische, das hässliche zelebriert. ich persönlich möchte in unserer welt eine gewisse gestalterische verantwortung übernehmen, und wenn das auto nun im schwarzwald vor einem bauernhof oder in einer stadt wie wien steht, muss es visuell schön sein.
der mensch lebt von der schönheit und ästhetik, hässlichkeit macht ihn aggressiv. nur im wahren liegt das schöne, um das philosophisch zu umschreiben. wahrheit und schönheit gehören zusammen, das hässliche kann nicht wahr sein ...

würden sie sich als eine art rebell bezeichnen, der in zeiten global geschalteter auto-(uni-)formen und designs mit dem mini einen eigenen weg gehen möchte?
ein rebell darf nie behaupten, dass er ein rebell ist. ich muss mich grund meines berufes und meiner berufung als chefdesigner als kritische, störende größe betrachten. das ist natürlich enorm schwierig in einem unternehmen, das verzahnt arbeiten und funktionieren muss. wir haben 120.000 mitarbeiter, bauen eine million autos pro jahr, haben weltweit niederlassungen, da sand im getriebe zu sein ist eine extrem unangenehme aufgabe. vom grundverständnis her würde ich die frage aber mit ja beantworten, von der organisationsform her nein. deshalb ist dieser beruf auch oft schmerzhaft. meine belohnung ist es, wenn ein/mein produkt am markt gut angenommen wird, ich es auf der straße sehe. der design-weg ist immer eine gratwanderung. der erfolg des ergebnisses muss zählen, nicht der weg dorthin. du darfst nicht auf den berg klettern und hoffen, dass der weg ein einfacher ist. ich bin ein konflikt-typ, und ein unternehmen sollte auch einen konflikt-typ wie mich ertragen – dieses unternehmen erträgt dies ...

das auto wird ja oft auch als zweiter körper gesehen, der sehr eng mit dem benutzer verbunden ist ...
sehr richtig. das auto ist ein produkt, mit dem man sich quasi anzieht, das man über sich zieht. ein haus hat eine ähnliche funktion, die höhlenfunktion. in das auto steigt man ein, ist angezogen, beschützt. und alle, die auf mich schimpfen, weil ich beispielsweise bei rot über die kreuzung gefahren bin, schimpfen nicht mich sondern das auto. es wirkt wie ein anzug, ein anzug mit einer innen- und außengestaltung und der sich zudem noch bewegt. die konsumenten suchen sich auch entsprechend ihres charaktertyps ein auto, ein „styling“ das zu ihrem typ passt.

haben sie eigentlich eine konkrete zielgruppe vor augen, wenn sie neue design-elemente in das auto einbringen?
unsere zielgruppe ist sicherlich fokussiert, liegt bei den „upper liberals“, das bestätigen unsere marktuntersuchungen. wobei marketingergebnisse immer retro sind, weil es immer den blick zurück vornimmt. wir haben nun den gegenteiligen auftrag, die vision, in die zukunft zu schauen. und zwar nicht, weil wir helden sind und wissen, wo der trend morgen liegen wird, sondern weil wir den trend selbst machen - das ist viel einfacher! wir machen heute die autos, die in fünf jahren auf den markt gebracht werden. jeder designer hat zukunfts-visionen, jeder architekt hat träume, weiß welche baustile oder materialien er zukünftig verwenden möchte. apple ist so ein typisches beispiel von design-visionen und hinter jedem designer steht auch eine persönlichkeit. die menschen brauchen speziell bei hochpreisigen produkten eine gewisse personifizierung, identifizierung, sicherheit. hinter jeder guten erfindung steht ein mensch, ein mann, eine frau. das ist natürlich schwierig in einem großen unternehmen, wo es viele mitarbeiter gibt, jeder seinen beitrag dazu leistet. der kunde braucht aber so eine art ansprechpartner, einen „schuldigen“, wenn er tausende euros hinblättert.

was sagen sie zu der gegenwärtigen marktentwicklung, dass produkte immer billiger, immer weniger wert werden. werte und wertigkeiten sind eigentlich nicht mehr klar erkennbar?
gesellschaftlich ist sicherlich eine gewisse entwertung von produkten zu beobachten. es gibt eine entwertung der werte. wir haben dazu innerhalb unseres unternehmens „wertigkeit und wirkung“ als gegenpol geschaffen. analysieren, mit welchen inhalten wir eine hochwertige wirkung beim kunden erzielen können. sicherheit, fahrdynamik, da darf man einfach nicht sparen. aber natürlich muss man sich überlegen, ob der beleuchtete fußraum wichtiger ist als ein zusätzlicher airbag. generell hat ein gesellschaftlicher und politischer wandel eingesetzt. meine ersten jeans habe ich mir noch selbst erarbeitet, mein sohn wird das hoffentlich so nicht mehr machen müssen. die jeans wird er wahrscheinlich von der oma bekommen, und ob die jeans nun 60 oder 80 euro kosten, kann er gar nicht begreifen. das ist ihm auch egal, weil er einfach keinen bezug zum wert an sich hat. da machen wir als eltern auch fehler. ein mensch kann mit 20, 30 oder 40 jahren qualität bei produkten nur dann messen, wenn er mit qualität auch aufgewachsen ist. wenn er als kind zu hause das joghurt immer nur mit dem plastiklöffel gegessen hat und nicht aus einem keramikschälchen mit dem chromlöffel, wird er qualität nie begreifen können. die haptische, qualitative erfahrung mit den dingen, der umgebung, die ist nach der prägephase vorbei. so etwas kannst du nicht mehr nachholen. wir hatten als kinder nicht viel, aber ich wusste immer, schwer ist gut, leicht – beispielsweise plastik – ist schlecht. wir dürfen sinnlichkeit und die bewertung von werten nicht verlieren. dabei kommt es auch auf uns erwachsene als vorbilder an.

... in diesem zusammenhang geht es ja auch gewissermaßen um den respekt und die verantwortung vor menschen, werten, produkten insgesamt, oder?
genau! gerade in bezug auf die entwicklung des mini geht es um den großen respekt vor der geschichte und vor den kunden. mein job ist es, ein auto zu bauen, das dem kunden gefällt und sich 170.000 mal verkauft und nicht, dass ich mein ego durchsetze. es geht um den respekt vor dem bestehenden ...
helmut wolf
pool journal