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musik in schwarz-weiß
krachiger punk-dilettantismus, jamaikanische stakkato-rhythmen und ultracoole fashion-attitüde – mit sound und style in schwarz und weiß profiliert sich ab 1979 ein neues label aus coventry, england: two tone records.
england, ende der 70er jahre: die punk-bewegung hat ihren höhepunkt überschritten. bands wie die sex pistols haben sich ein großes internationales publikum erspielt, der „ausverkauf“ der rebellischen und bunten jugendkultur wird allerorts beklagt. kein wunder, denn zerrissene jeans, bemalte lederjacken und stachelfrisuren haben sich längst von den kleinen szene-zirkeln londons aus über das ganze land verbreitet, und zu den konzerten der einschlägigen bands pilgern nicht mehr nur die eingeschworenen fans, sondern auch immer mehr normale kids aus gutem haus. was gestern noch als dissident und cool gehandelt wurde, hält nun einzug in modemagazine, mainstreet-boutiquen und fernseh-shows wie „top of the pops“ und wird dadurch als subkultureller stil-code entwertet. zur selben zeit findet sich mit künstlern wie the police, the jam, wire oder joy division eine deutlich besser gekleidete, intellektuellere szene zusammen, die innerhalb der folgenden dekade unter dem schlagwort „new wave“ die umwälzung und erneuerung der britischen musiklandschaft vorantreiben wird. doch bevor punk endgültig zu grabe getragen wird und sich new wave in voller breite entfaltet, tauchen plötzlich die 60er jahre wieder auf - als modisches und musikalisches revival.
mittendrin in dieser zeit des aufbruchs, zwischen dem ende der traditionellen rock’n’roll-ära und dem beginn der kühlen neon-ästhetik der 80er, erleben zwei jugendkulturen aus den sixties ihre wiederauferstehung – die mods und skinheads. dunkle sonnenbrillen, bürstenhaarschnitte, pork-pie-hats, altmodische drei-knopf-anzüge mit gefährlich schmalem revers und spitze milano-schuhe werden zum heißesten trend der saison. aufpolierte motorroller mit hunderten spiegeln, fähnchen und fuchsschwänzen prägen das straßenbild. auf „all-nightern“ wird zu amerikanischem r&b, jamaikanischem ska und neuen britischen gitarrenbands wie den purple hearts oder secret affair getanzt, bis der boden glüht. zur selben zeit geht in der industriestadt coventry, eigentlich ein traditionelles zentrum der britischen motorindustrie, ein frisches label an den start: two tone records. dort schmiedet man aus krachigem punk-dilettantismus und jamaikanischen ska-rhythmen einen spröden und zerhackten high-speed-sound, dessen wurzeln eindeutig in der karibik zu orten sind. denn schon zu beginn der 60er jahre war die ska-musik, eine urform des heutigen reggae, in jamaika äußerst populär und wurde von farbigen einwanderern nach england gebracht. die two tone-bands empfinden sich allerdings nicht als nachahmer: „wir spielen keine jamaikanische musik, wir spielen englische musik!“ reklamiert jerry dammers, gründer von two tone-records und sänger der band ‘the specials’ in einem interview mit dem nme. die primären farben des two tone-labels sind schwarz & weiß, was sowohl als reminiszenz an den straighten kleidungsstil der sechziger jahre als auch für ein positives miteinander der hautfarben und kulturen gelesen werden kann. symbolisiert wird diese haltung durch ein smartes logo-männchen mit hut, krawatte und anzug sowie den markanten schwarz-weißen karos, die auf allen veröffentlichungen von two tone zu finden sind.
im august 1979 steigen ‘the specials’, eine siebenköpfige gruppe aus schwarzen und weißen musikern, mit ihrer ersten single „gangsters“ in die britischen single-charts ein. sie erfreuen sich bei mods und skinheads gleichermaßen großer beliebtheit. die explizit anti-rassistische haltung der ska-bands, welche auch in vielen texten zum ausdruck gebracht wird, kann oder will nicht von allen verstanden werden. in ihrem vielleicht größten hit, „a message to you rudie“, beziehen die specials stellung zur gewaltbereitschaft: „dieses lied ist eine botschaft an all die heavy skins, die nur auftauchen, um ärger zu machen – wer gewalt sucht, wird im gefängnis enden, wie alle bad rude boys, und dort angekommen, wirst du erst recht herumgetreten“ erzählt specials-gitarrist lynval golding, der ursprünglich aus jamaika stammt. madness, die einzige komplett weiße formation aus dem two-tone-umfeld, pflegt einen etwas weniger anspruchsvollen kleidungsstil. gerne präsentieren sie sich in bomberjacken, doc martens und hochgekrempelten jeans – dem klassischen skindhead-look, der auch von den mitgliedern der „national front“ favorisiert wird.
madness werden deshalb des öfteren mit rassismus-vorwürfen konfrontiert, was jedoch eher mit den hooligans im publikum zu tun hat, als mit der politischen gesinnung der band. sänger suggs erzählt: „es gibt diese kids, die mit union jack-shirts zu unseren konzerten kommen und die national front wählen. sollten wir sie deshalb zum teufel schicken? ich würde mich lieber mal mit ihnen darüber unterhalten und ihnen erklären, dass sie einen fehler machen.“
die subkulturellen milieus, aus denen sich das ska-publikum zusammensetzt, sind jedoch nicht eindeutig nationalistisch codiert. skinheads und mods kommen sowohl aus jamaikanischen einwandererfamilien wie auch aus der englischen unter- und mittelschicht. eine ihrer gemeinsamkeiten ist der stolz auf die abstammung und zugehörigkeit zur „working class“ und eine rebellische, aggressive einstellung gegenüber der reichen und mächtigen britischen oberschicht. eine haltung, deren ursprung in den gesellschaftlichen spannungen der 60er jahre zu suchen ist, und die ende der 70er erneut aktualität gewinnt. der soundtrack dazu konnte nicht besser passen – immerhin ist ska, als musik der farbigen einwanderer, immer auch die musik der sozialen underdogs.
differenz wird auch bei der kleidungswahl markiert. jerry dammers erzählt: „wir wollen smart aussehen und dabei so wenig geld wie möglich ausgeben. also haben wir uns alte anzüge aus second-hand-shops besorgt. lustigerweise hatten eine menge anderer leute zur gleichen zeit die selbe idee, und nun nennt man uns „mods“. dabei sind wir keine spezifische mod-band. unsere musik ist eine mischung aus beidem. und es gibt auch viele punk-elemente. man könnte sagen, wir spielen den working class blues.“ ähnlich wie punk richtet sich der neue, britische ska gegen klassenunterschiede und konsumwahnsinn – und feiert für ein paar jahre beachtliche kommerzielle erfolge.
doch die zeit der unbeschwerten „do-it-yourself“-attitüde als erfolgreiches independent-label geht für two tone records rasch vorbei. im sommer 1981 landen the specials noch einmal an der spitze der charts, bevor die band getrennte wege geht. nahezu alle acts aus dem two tone-umfeld werden in weiterer folge von großen plattenfirmen eingekauft und vermarktet, worauf ska – ähnlich wie zuvor punk - an subkultureller relevanz verliert. und kaum ist die britische ska-szene totgesagt, treten in anderen teilen der welt neue gruppen an, um das erbe von two tone weiterzuführen und weiterzuentwickeln, wie etwa die toasters aus new york, die mighty mighty bosstones aus boston oder bluekilla aus münchen – je nach individueller orientierung vermischen diese bands rock, punk und ska zu einem hochenergetischen sound, der sich immer weiter von den jamaikanischen ursprüngen entfernt und dadurch ein neues publikum erschlossen hat. sogar in teilen der hiphop-szene, die den schulterschluss mit reggae sucht, lassen sich anleihen beim two tone-ska erkennen.
roman schilhart
pool journal