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schuld war nur der bossa nova
nicht nur im fußball sind die brasilianer eine klasse für sich. brasilianische musiker wie antonio carlos jobim, marcos valle, gilberto gil oder jorge ben haben der internationalen popmusik seit den 60er jahren immer wieder neue impulse und akzente gegeben. dabei ist mit samba und bossa nova nur ein bruchteil aller formen und variationen der musica popular brasiliera über die grenzen des südamerikanischen landes hinaus bekannt geworden.
ende der 50er jahre herrschte in brasilien so etwas wie aufbruchsstimmung. die fußballnationalmannschaft war zum ersten mal weltmeister geworden, der architekt oscar niemeyer entwarf in brasilia eine schöne neue welt, und ein landesweites radio- und fernsehnetz wurde auf die beine gestellt. alles verhieß eine glänzende gegenwart und eine unbeschwerte zukunft. vor diesem hintergrund entstand in rio de janeiro eine neue musikalische bewegung, die auf den namen bossa nova hörte: eine mischung aus traditionellen sambarhythmen sowie einflüssen des us-amerikanischen jazz und seiner instrumentalen begleitung durch klavier, schlagzeug und gitarre. die lieder waren durchwegs sanfte balladen und handelten vornehmlich von sonne, meer und schönen mädchen. der höhepunkt des bossa nova-movements sollte zwar nur wenige jahre dauern, doch die folgewirkungen auf die internationale musikszene waren weitreichend und sind auch noch heute deutlich spürbar.
als die ersten bossa nova-singles in brasilien erschienen, sorgten sie noch für einige irritation. zu unkonventionell schien das am amerikanischen cool-jazz angelehnte, behutsame gitarrengezupfe, zu verhuscht wirkte auch oft der gesang. der legende nach soll der chef der plattenfirma emi eine joão gilberto-platte nach erstem hören wütend an einer tischkante zerbrochen haben: „das ist der schrott, den sie uns neuerdings aus rio schicken.“ mit dem für die musikbranche nötigen weitblick war der mann offenbar nicht gesegnet; allerdings dürfte sein vorschnelles urteil auch nicht allzu viel gewicht gehabt haben, denn der siegeszug des bossa nova erfasste die welt außerhalb brasiliens in windeseile. die musiker stan getz und astrud gilberto erreichten mit ihren „jazz samba“-platten in europa und den usa astronomische umsatzzahlen, und die neue musik aus brasilien setzte auch in deutscher fassung zum sturm auf die hitparaden an: „schuld war nur der bossa nova“ ist als immergrüner gassenhauer wohl jedem vertraut. die ursprünge des bossa nova liegen jedoch weiter zurück. gegen ende der 40er jahre hatte der amerikanische bebop einzug in das repertoire brasilianischer tanzorchester gehalten und damit auch die rhythmische akzentuierung beeinflusst. dazu gesellte sich der einfluss des kubanischen bolero. die daraus resultierende synthese aus brasilianischer folklore, kubanischen elementen und amerikanischem jazz führte zu einem eigenwilligen stilgemisch, das auf die expressive attitüde des sambas verzichtete und sich vor allem durch deutlich leisere töne und umgangssprachliche texte auszeichnete. rein technisch gesprochen handelt es sich bei dieser „neuen welle“ brasilianischer musik um eine synkopierte variation des sambas, die nach einer these des musikhistorikers jose ramos tinhorao1 auch die sozialen bedingungen der späten 50er jahre widerspiegelt: bossa nova sei die reaktion der weißen mittelklasse gegen die dominanz der traditionell schwarzen samba-rhythmen gewesen. für diese theorie spricht zwar die räumliche trennung, denn während das arme, durchwegs schwarze volk die bezirke im norden rios bewohnte, lebten die wohlhabenderen weißen in den südlichen bezirken, also in ipanema, leblon und an der copacabana - jener zone, die als geburtsort des bossa nova-movements gilt. allerdings ist es zweifelhaft, ob bossa nova als bewusste antwort auf die herrschenden sozialen bedingungen gesehen werden kann. andere quellen behaupten, es sei vielmehr eine reaktion auf die anglo-amerikanischen musikproduktionen gewesen, die den brasilianischen plattenmarkt zu dieser zeit beherrschten. es mögen unterschiedliche menschen mit unterschiedlichen motiven gewesen sein, doch sie alle hatten ein gemeinsames ziel: die erneuerung der brasilianischen musik.
als wegbereiter des bossa nova gelten der pianist antonio carlos jobim und der dichter vincius de moraes. die beiden künstler verbrachten ihre zeit gerne in den bars an der copacabana, um zu trinken und über den lauf der welt zu philosophieren. dort begegnete ihnen eines tages das legendäre „girl from ipanema“. dabei handelt es sich tatsächlich um eine reale person und nicht um eine fiktive strandschönheit: heloisa pinto, ein blondes, blauäugiges mädchen, sonnengebräunt und umwerfend schön, inspirierte antonio carlos jobim und vincius de moraes vor 40 jahren zu einem der größten klassiker der popgeschichte. bis heute säuselt „the girl from ipanema“ durch flughafen-lounges, cocktail-bars und supermärkte und lässt von endlosen stränden, schönen menschen und einer sonne, die niemals untergeht, träumen. der dritte im bunde war der gitarrist joão gilberto, der aus der stadt bahia nach rio kam und eine völlig neuartige rhythmische synkopierung mitbrachte. antonio carlos jobim sagte später über ihn: „binnen kürzester zeit beeinflusste er eine ganze generation von arrangeuren, musikern und interpreten.“2 auch marcos valle, ein student an der copacabana music school, katapultierte sich direkt in den olymp der brasilianischen musikindustrie. der damals 20jährige wurde als „best newcomer“ ausgezeichnet und mit diversen ehrungen überschüttet.
während die texte der samba-lieder hauptsächlich kleine alltagsgeschichten erzählen, wurde die lyrik des bossa nova zunehmend spielerischer, poetischer und intellektueller. nur dramatisch oder pathetisch durfte sie nicht sein. gesungen wurde in einer art erzählerischem sprechgesang, bewusst leise und ohne extreme betonungen, ganz im gegensatz zum klassischen samba. die entwicklung einer solchen art formaler ästhetik vollzog sich parallel und in korrespondenz zu anderen kulturbereichen brasiliens: grafiker brachten einen modernen stil in die cover-gestaltung ein, der mit plakativen, aber relativ einfachen foto- und schriftmontagen arbeitete; zur selben zeit entwickelte sich in interaktion mit der bossa nova-szene auch das „cinema novo“, eine lokale filmindustrie, in der die neue musik verwendung fand. auch die brasilianischen musikkonzerne reagierten und schufen neue plattenlabels, die sich ausschließlich dem bossa nova widmeten. zum höhepunkt der kommerzialisierung des bossa nova, anfang der 60er jahre, gingen viele interpreten für längere zeit oder sogar auf dauer in die usa, weil ihre musik dort mehr anerkennung fand als in brasilien selbst - die neuen, leisen töne trafen längst nicht den geschmack aller volksschichten. die bossa nova-bewegung blieb in ihrem heimatland eine sache der studenten, intellektuellen und wohlhabenden, die verkaufszahlen eher bescheiden, und hohe gagen für die musiker gab's nur auf auslands-tourneen.
waren die anfänge des bossa nova in eine zeit wirtschaftlicher expansion brasiliens gefallen, kam ein paar jahre später die große krise. 1964 übernahm das militär die regierung. für die führungsgruppe von bürokraten, unternehmern und generälen blieb der hauptteil der brasilianischen bevölkerung eine weit entfernte, wenig greifbare realität, ein potentieller hort von subversion. mit dem machtwechsel, der zunächst von einer breiteren bevölkerungsschicht befürwortet worden war, entfaltete sich die institutionalisierte gewalt in brasilien in besonderem maße. staatlicher terrorismus, zensur und die verfolgung oppositioneller nahmen rapide zu. es kam zu den ersten unruhen an den universitäten, und plötzlich standen die texte des bossa nova in deutlichem widerspruch zur realität. es kam also zwangsläufig der moment, an dem auch die etablierten interpreten ihre position verlassen und farbe bekennen mussten: „bossa nova hatte nichts, das in einklang mit der brasilianischen realität gebracht werden konnte“, erzählte die sängerin nara leao in einem interview3. in der zweiten hälfte der 60er jahre machte bereits eine neue generation von sängern, komponisten und gitarristen von sich reden. caetano veloso, gilberto gil, gal costa oder jorge ben (der mit „taj mahal“ übrigens die vorlage für rod stewart's größten hit „do ya think i'm sexy“ lieferte) brachten südamerikanische rhythmen mit den experimentelleren seiten des rock zusammen: eine strömung namens „tropicalia“ war geboren. anders aber als sergio mendes, der heute als klassiker des easy listening verehrt wird, widmeten sich die musiker der tropicalia-bewegung der harten sozialen realität ihrer heimat und wurden schnell zu modernen volkshelden.
in dieser zeit, die weltweit vom aufbegehren der jugend bestimmt war, wurde in brasilien realität, wovon linke intellektuelle in den usa oder europa nur träumen konnten. es entstand eine junge gegenkultur, deren vorreiter auf künstlerisch höchstem niveau agierten und deren lieder dennoch jedes kind auf der straße pfiff. die zeit der watteweichen wohlfühl-lieder des bossa nova schien endgültig vorbei zu sein, sie gehörten für die nächsten jahrzehnte höchstens noch unverbesserlichen nostalgikern und ins repertoire von hotel-orchestern. außerhalb brasiliens wurde der zusammenhang zwischen musikalischer ästhetik, lyrischen inhalten und den politischen veränderungen schon allein wegen der sprachlichen barriere kaum wahrgenommen. bossa nova blieb der inbegriff des leichten, unbeschwerten lebens unter tropischer sonne, eine illusion, die zu beginn der 90er jahre revitalisiert werden sollte. denn die londoner acid jazz-szene, geführt von gilles peterson und patrick forge, stieß bei ihrer stetigen suche nach exotischem futter für die hippen dancefloors in west-london wieder auf die brasilianische musik vergangener tage. es mag mehr als nur ein zufall sein, dass sich bossa nova innerhalb einer schicken, urbanen club-crowd plötzlich wieder größter beliebtheit erfreut: er bringt die sehnsüchte der stressgeplagten new economy-workaholics auf den punkt und verkörpert das leichte, unbeschwerte leben einer neuen boheme, die sich um ihr materielles wohlergehen keine gedanken machen muss.
in der zweiten hälfte der 90er jahre hat sich bossa nova mit dem boom der lounge- und downtempo-compilations endgültig in den wohnzimmern und cocktailbars der westlichen welt eingenistet. abgesehen von der wiederveröffentlichung alter bossa nova-klassiker macht sich nun auch eine junge generation über das feine, aber etwas verstaubte musikalische erbe der späten 50er und frühen 60er jahre her und produziert platten, in denen tradition und moderne oft virtuos miteinander verwoben sind. brasilianische musiker wie bebel gilberto (die tochter des exzentrischen bossa nova-giganten joão gilberto), suba oder patricia marx kreuzen gut gelaunt samba- und bossa nova-rhythmen mit techno, drum'n'bass und elektro-beats. auch so mancher protagonist der ersten bossa nova-ära erfreut sich plötzlich wieder internationaler beliebtheit, wie etwa marcos valle. der mittlerweile 60jährige musiker, aus dessen feder zeitlose klassiker wie „summer samba“ oder „crickets sing for anamaria“ stammen, hat bis heute ca. 400 songs komponiert, die beispielsweise von dizzy gillespie, frank sinatra, dave brubeck, sarah vaughan oder auch ramsey lewis gespielt und in die charts gebracht wurden. ganze legionen europäischer club-tracks bauen wieder auf die federnde allianz von latin-off-beats und exotischen instrumenten und bringen den sommerlichen groove brasiliens auch in die kältesten, finstersten und nebligsten winkel der welt. bossa nova ist also nach seinem ersten siegeszug in den 60er jahren wirklich eine internationale musik-sprache geworden, die in rio ebenso gesprochen wird wie in washington d.c., nürnberg oder wulkaprodersdorf. dass viel von dem, was hierzulande unter schlagwörtern wie „nova bossa nova“, „brazilectro“ oder „nujazz“ verkauft wird, gerade mal soviel soul hat wie ein stück knäckebrot, ist eine andere geschichte.
samba und bossa nova, beide in rio de janeiro entstanden, mögen zwar die mit abstand bekanntesten musikstile brasiliens sein, der musikalische reichtum des landes lässt sich aber keinesfalls darauf reduzieren. denn mit baião, choro, forró und frevo, um nur einige zu nennen, gibt es noch reichlich andere ergebnisse der begegnung von indianischen, europäischen und afrikanischen kulturen, auch wenn in europa nur die wenigsten je davon gehört haben dürften. zweifellos zählt brasilien zusammen mit jamaica und cuba zu jenen „third world countries“, welche die populäre musik des 20. jahrhunderts am stärksten beeinflusst haben. vielleicht haben samba und bossa nova durch ihre idealisierung als inbegriff von urlaubs-träumen und fernwehromantik sowie ihre präsenz in tanzschulen und unterhaltungsorchestern sogar eine längere und daher stärkere bindung an den europäischen geschmackskanon, als etwa reggae oder afro-beats.
in jedem fall ist brasilien für viele immer noch weniger ein konkreter geografischer ort, sondern ein imaginäres paradies aus sonne, strand, südfrüchten und exotischer musik. otto normalverbraucher, dem es seit einführung von billigflugtarifen vergönnt ist, in die tropen aufzubrechen, stellt sich womöglich eine endlose samba-staffette an der copacabana vor, die von bananenumrankten schönheiten des landes effektvoll in tanzschritte umgesetzt wird. andere wiederum träumen vielleicht von caipirinha unterm sternenzelt, untermalt von sanften bossa nova-klängen. man kann den neuen lounge lizards ihren rückzug in die heile welt nicht übel nehmen. das vermeintlich heile gestern bietet oft mehr verklärt-strahlenden glanz als eine gegenwart, in der ein krieg der kulturen tobt, dissenz verpönt ist, und die antiglobalisierungsbewegung als störfaktor der gutbürgerlichen ruhe dargestellt wird. der britische historiker bill osgerby4 hat das schon in seiner studie über die freizeitgesellschaft der 60er jahre auf den punkt gebracht: „in letzter instanz ging es in der ethik des playboy chic doch immer mehr um einen trockenen martini, als um einen molotowcocktail.“
roman schilhart
pool journal