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foto: helmut lederer
graue töne
nicht immer kommt die sprache zum punkt. zuviele ‘najas’, zuviele ‘vielleichts’, zuviel ‘eventuell’. doch charme hat das in diesem fall dennoch. doch bei mode? ist es gut, wenn diese sich nicht festlegt?
klipp und klar in gut und böse, in reich und arm, in schwarz und weiß zu unterscheiden ist in der journalistischen arbeit in vielen europäischen ländern fast pflicht. nicht so in österreich, wo auch meine sprachlichen wurzeln liegen. da kann jede aussage noch mit ein paar füll- und hilfsverben, mit vergrößer- und verkleinerungen und mit allerlei tricks abgemildert werden. auf den punkt kommen wir hierzulande selten. lieber noch einen aspekt schildern als zu schnell zu einem urteil zu kommen. besonders die verschiedenen österreichischen dialekte strotzen nur so von wörtern, die aussagen vermeiden oder zumindest abschwächen. gemessen an hanseatisch klarem deutsch oder der berühmt berüchtigten schweizerischen direktheit ist das österreichische eine geradezu charmante sprache. denn wer selten auf den punkt kommt, tritt auch selten ins fettnäpfchen, ist auch selten beleidigend oder verletzend. der gastfreundschaftliche ruf der österreichischen tourismusbetriebe ist nicht zuletzt der mangelnden präzision unserer sprache zu verdanken. unsere eventualitäten, unser konjunktiv vier, unser plauderhaftes deutsch klingt einfach zu hübsch. wenig verbindlich, doch immer sehr herzlich. von den drolligen dialekten mal ganz abgesehen. doch es wäre nicht österreich, würde es die putzige sprache nicht zu seinem vorteil nutzen.
seit beginn der 80er jahre liebt die bundesdeutsche medienszene journalistische talente aus österreich. wortwitz, charme, direktheit wird unserem schreibenden export bescheinigt. legendäre kolumnisten in tempo, stern oder taz haben die österreichischen stilmittel zu berühmtheit gebracht. das ur-österreichische „mal sehen“ hat heute sogar schon die bastionen des hochdeutsch, die tagesschauen erobert.
dass unsere sprache selten ganz klar in gegensätze teilt, schließt nicht aus, dass diejenigen, die sie sprechen, es tun. nur zu gerne wird hierzulande kategorisiert, in schubladen gesteckt, getrennt und unterschieden. verwunderlich nur, dass so unpräzise sprache, so klare grenzen zulässt. die grenzen zwischen dein und mein, zwischen wir und die anderen, wissen selbst jene zu ziehen, die keinen satz ohne einschränkendes „na ja“ beenden können. so wird sprache, gerade die unpräzise österreichische, zu einem gefährlichen instrument. denn in schwammiger sprache lässt es sich gut stimmung machen, emotionen wecken und ängste schüren. schließlich kann man diffuse gefühle nur selten durch rationale argumente beseitigen. eine konkrete angst ist leicht zu entkräften. eine emotion, der weitschweifige, unklare gefühle zu grunde liegen, ist dagegen schon schwerer zu widerrufen.
nicht immer ist die „graue“ sprache, die schwarz und weiß nicht kennt, mit nachteilen behaftet. texte, die nicht von vornherein eine meinung vertreten, reden, die eigene interpretationen zulassen, bücher, die platz für eigene gedanken lassen, sind für jene, die entscheidungsfreiheit suchen, ein segen. so kann ein text für zehn verschiedene leser zehn interpretationen eröffnen. doch diese freiheit ist eine tugend, die nur wenige leser auch zulassen wollen. denn sie erfordert den willen zur auseinandersetzung mit der materie. nicht jeder, der ein buch oder eine zeitung in die hand nimmt, tut das, um sich eine eigene meinung zu bilden. denn die bedeutet aufwand. viel bequemer ist da schon, eine vorgefasste meinung zu übernehmen.
ähnlich verhält es sich auch in der mode. die immer größere wahlfreiheit für die konsumenten ist nur bedingt ein segen. viele sehnen sich in die zeit zurück, als die trends noch starr diktiert wurden. schließlich wusste man dann wenigstens, was man anziehen konnte und was nicht. dass heute lockerer hippielook und strenge eleganz nebeneinander existieren dürfen, wird nicht von jedermann als befreiend empfunden. man will schließlich wissen, wo es lang geht. „alles geht“ ist ein motto, das bestenfalls modeschüler begeistert. die undefinierten trends verunsichern. wie trägt man nun den cowboy-look? und trägt man ihn überhaupt? weil fragen wie diese von designern mannigfach aber selten, eindeutig beantwortet werden, sind entscheidungshilfen gefragt wie nie. die verkäuferin, die klipp und klar das styling erklärt, das magazin, das kombinationen vorschlägt und bezugsquellen liefert. dass man andere die entscheidungen treffen lässt, ist nicht nur unmündigkeit. es ist auch bequem, es wiegt in sicherheit und es spart zeit. und mal ganz ehrlich: solange es nur die mode betrifft ...
martina müllner
pool journal