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foto: engelhardt / sellin
licht und wärme
licht überwindet alle sprachlichen und kulturellen grenzen. licht verbindet. wer sich, wie zumtobel staff, seit vielen jahrzehnten mit lichtquellen und deren großer bedeutung auseinandersetzt, sammelt zudem auch viel erfahrung über den menschen selbst. empfinden, kreative fähigkeit und selbst der hormonhaushalt werden am direktesten und intensivsten durch licht angesprochen. kay-uwe dingeldein, licht-designer für internationale projekte bei zumtobel staff, kann das nur bestätigen.
licht lässt räume, gebäude, städte, produkte und menschen in einem gänzlich anderen glanz „erstrahlen“. damit haben lichtplaner eigentlich einen enormen einfluss auf unser generelles empfinden, oder?
... und nicht nur das, sondern auch eine große verantwortung! licht ist emotion und beeinflusst sogar unseren hormonhaushalt. bei den vom gehirn verarbeiteten informationen kommen über 80 prozent über das auge herein. wir sehen, nehmen wahr und empfinden. das „richtige“ licht steigert die attraktivität und fördert verkaufszahlen von produkten, lässt sich menschen wohlfühlen und entsprechend motiviert an ihre tätigkeiten herangehen. licht gibt leben und sicherheit in abend- und nachtstunden im öffentlichen raum. man kann aber auch genau das gegenteil erreichen und mit licht „vernichten“. deswegen gilt einfach der grundsatz: „mit dem richtigen licht zur richtigen zeit am richtigen ort zu sein.“

die meisten menschen verbringen heute ihre meiste zeit ohne natürliches licht. kann künstliches licht die natürlichen sonnenstrahlen kompensieren?
es ist durchaus möglich, dies bis zu einem gewissen grad zu tun, aber es wird nie hundertprozentig gelingen. arbeitet man bei einer beleuchtungslösung gezielt mit den drei dimensionen des lichtes: intensität, lichtfarbe und lichtrichtung. so rückt das optimum in greifbare nähe. trotzdem hat das tageslicht immer vorteile gegenüber dem kunstlicht. tageslicht besitzt eine dynamik, die im innenraum nicht nachstellbar ist. intensitätsschwankungen gibt es da beispielsweise durch atmosphärische und jahreszeitliche einflüsse: das durchziehen von wolken, also klaren und bedeckten himmel, aber auch die änderungen in der lichtfarbe, von sonnenauf- bis sonnenuntergang. schließlich sind auch noch die biologischen wirkungen (vitamin-d-bildung, hormonsteuerung etc.) des lichtes durch seine spektrale zusammensetzung aufzuführen, die auch unsere wahrnehmung und emotionen maßgeblich beeinflussen. nicht umsonst machte der begriff der winterdepression in den letzten jahren seine runde durch die medien, und jeder mensch freut sich auf den frühling, wenn die tage wieder länger werden.

jeder mensch empfindet licht in räumen unterschiedlich: zu hell oder zu dunkel, zu kühl, zu aufdringlich usw. gibt es eine lichtzusammensetzung, die jedem ein angenehmes gefühl vermittelt?
hier gilt ein klares „nein“. zum glück sind wir menschen verschieden, auch in unseren emotionen und empfindungen. letztendlich bringt uns das voran – im berufs- und privatleben. subjektivität ist der motor der entwicklung.

in den nordeuropäischen ländern beispielsweise haben die menschen einen ganz besonderen bezug zu (tages-)licht. inwieweit unterscheidet sich die lichtkonzeption für die verschiedenen europäischen regionen?
klarerweise sind die nordeuropäischen länder und regionen zumindest in einer jahreshälfte im bezug auf das tageslicht benachteiligt. die längeren dunkelzeiten führen aber nicht dazu, dass mehr licht installiert wird. es verändern sich einfach nur die schalt- und betriebszyklen. letztendlich gleichen sich der höhere energiebedarf im winter und die geringeren bedürfnisse im sommer über das jahr gesehen aus. ein erfahrungsgemäß markanter unterschied besteht eigentlich nur bei der verwendung der lichtfarbe. während in den nördlichen regionen die warmweiße lichtfarbe verwendet wird, kommen in südlichen gefilden eher neutral- bis tageslichtweiße beleuchtungsfarben zum einsatz. jeder hat sich sicher schon mal über die bläulich-weiße beleuchtung durch eine freistrahlende leuchtstofflampe in einer taverne in griechenland oder anderswo im süden gewundert. das große tageslichtangebot in diesen regionen geht einher mit hohen temperaturen und einem gesteigerten bedarf an kühle und frische. an dieser stelle versucht man schon mit der wahl der bläulich-weißen lichtfarbe psychologisch den eindruck von kühle zu vermitteln. im norden ist es genau umgekehrt. das ganze wird noch durch die gewählten umgebungsmaterialien verstärkt – im süden mit weißen anstrichen, im norden mit viel holz in den innenräumen.

wo licht ist, gibt es auch schatten. ist schatten für den lichtplaner ebenso teil der inszenierung oder gilt es schattenbildung zu vermeiden?
im gegenteil, ein ausgewogenes verhältnis von licht und schatten ist sogar notwendig und verschiebt sich je nach anwendung zum vorteil des einen oder anderen teils. so werden auf der bühne künstler in lichtkegel getaucht und das umfeld tritt in den hintergrund. selbiges passiert zum teil auch mit produkten in vitrinen, schaufenstern etc. hier werden also licht und schatten eher zur inszenierung verwendet und durch die starken kontraste die entscheidende betonung erzielt.

„lichter der großstadt“ - gerade in städten spielt licht eine tragende rolle, ist teil des urbanen empfindens. ist licht in der stadt wichtiger als am land?
ist es nicht, denn es hat in beiden regionen grundsätzlich dieselben funktionen - wegführung und –beleuchtung für verkehr und fußgänger. dies realisiert sicherheitsaspekte, dient der anstrahlung von gebäuden, denkmälern, aber in unterschiedlichen dimensionen. während dies auf dem lande in den meisten fällen einem gesunden maße unterliegt, geht es in den städten nach dem motto „höher, schneller, weiter“. gebäude leuchten nicht nur durch ihre innenraumbeleuchtung. es werden fassaden beleuchtet bzw. inszeniert, oberflächen und strukturen gezielt hervorgehoben. hinzu kommen leuchtschriften, lichtreklamen, multimediainstallationen, mit dem ziel, menschen - gäste einer diskothek, eines restaurants, eines shops - anzuziehen. licht wird zum verkaufsförderer oder soll den wiedererkennungseffekt eines bestimmten punktes, eines gebäudes in einer stadt unterstützen. ich denke da an großbildschirme auf zentralen plätzen, die sportevents oder konzerte mit entsprechenden werbeunterbrechungen zeigen. wollen sie dieser reizüberflutung entfliehen und mal in ruhe den sternenhimmel genießen, müssen sie entweder auf das höchste gebäude der stadt steigen oder aufs land flüchten. in diesem zusammenhang ist in den letzten jahren häufiger von lichtimmissionen und ihren gefahren bzw. erheblichen belästigungen die rede. so werden wohnräume durch in der nähe befindliche lichtquellen aufgehellt – besonders unangenehm bei schlafräumen. ein sonderfall sind die beeinträchtigungen von astronomischen beobachtungen. mittlerweile gab es schon ansätze, licht in ortschaften für diesen zweck zu reduzieren, schaltzeiten einzuführen, damit der sternenhimmel wieder sichtbar wird.

wo liegt die grenze zum negativ besetzten „zwielicht“?
man spricht von zwie- bzw. mischlicht, wenn in einer beleuchtungsanlage zwei oder mehrere lichtfarben vorhanden sind. wissenschaftliche untersuchungen haben gezeigt, dass die mischung unterschiedlicher lichtfarben bei eng benachbarten leuchten und großen raumhöhen bedenkenlos vorgenommen werden kann. wird die entfernung zwischen den lichtpunkten zu groß, entstehen farbinseln und farbige schatten. dies kann irritierend auf das auge wirken. wechselt man beispielsweise von einem raum mit einer dominanten lichtfarbe in einen anderen, so können sogar adaptationsstörungen auftreten bis sich das auge an die neue situation gewöhnt hat. mischlichtbeleuchtung findet man sehr häufig in büros, wenn sich die lichtfarben der allgemeinbeleuchtung und der arbeitsplatzbeleuchtung unterscheiden. in der regel wird dies aber nicht als störend empfunden. hin und wieder fällt einem allerdings das mischlicht in shops und boutiquen unangenehm auf. so versucht man oft die genaue farbe eines lederschuhs oder eines textilen bekleidungsstückes zu erkennen. die wenigsten menschen heben das betrachtete objekt vor die lampe mit der richtigen lichtfarbe bzw. farbwiedergabe. vielmehr nehmen sie das kaufobjekt und gehen ans fenster oder ins freie und prüfen es unter tageslicht. aber auch die kombination von tages- und kunstlicht kann zu zwielichtsituationen führen.

man spricht von menschen mit „besonderer ausstrahlung“. wie wird ein shop zu einem ort mit besonderer, lichterfüllter ausstrahlung?
das ist eine ziemlich schwierige frage, da dies durch persönliche empfindungen und emotionen getragen wird. grundsätzlich bestimmen neben den baulichen gegebenheiten, die art und qualität der produkte und ihre präsentation, die qualität der beleuchtungslösung. vielleicht sollten wir uns hier der einzelnen bereiche eines shops annehmen. betrachten wir zunächst die schaufenster und den eingangsbereich. die schaufenster geben einen kurzüberblick über die produktpalette im inneren. beide bereiche sollen aufmerksamkeit wecken, den potentiellen käufer an- und in den shop hineinziehen. gezielter, bühnenartiger einsatz von licht und schatten oder flächiges licht mit hohen intensitäten, farbiges bzw. dynamisches licht (intensitäts-, farb- oder szenenwechsel) in abhängigkeit von der umgebung und dem sortiment sind hier die schlagworte. im shop zieht sich das weiter durch. mit raumtiefen lichtinszenierungen an wandflächen in verbindung mit werbung oder highlight-präsentationen versucht man den drang in den shop zu wollen, zu verstärken. dabei markieren lichtlinien an der decke oder im boden den weg und führen den kunden durch den shop. die wegebeleuchtung wird auf das notwendige minimum reduziert, um die produkte zu betonen. mit einer konzentration des lichtes werden verkaufsinseln geschaffen, aktions- und kassenbereiche hervorgehoben. strahler mit unterschiedlichen lichtverteilungen, „fluter und wallwasher“, leuchtende flächen bieten hierfür genügend möglichkeiten. aber auch ruhezonen, cafe- und leseecken etc. gehören dazu und sollten sich optisch und in reduzierter form von der umgebung abheben. die beleuchtungslösung darf dabei nicht zu dominant in den vordergrund treten und den kunden von den eigentlichen produkten ablenken. letztendlich ist der shop wie eine bühne, auf der mit licht, schatten und farbe, eine show für den kunden abläuft.

welches licht inspiriert sie am meisten?
kerzenlicht. es wirkt wärmend, beruhigend und entspannend - fast hypnotisierend, wenn man die im wind flackernde flamme auf sich wirken lässt. gerade am abend, nach einem anstrengenden bürotag, tut dieses licht wahre wunder – insbesondere wenn ich mit meiner partnerin bei einem guten glas wein auf der terrasse sitzen kann und mit dem schwinden des tageslichts das kleine, unruhige kerzenlicht immer besser zur geltung kommt. da gerät man ins schwärmen, spinnt neue ideen und findet manchmal eine lösung für ein problem, mit dem man sich den ganzen tag abgequält hat ...
helmut wolf
pool journal