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häufig gestellte fragen
wie lautet deine lebensphilosophie?
ich habe mich in den letzten jahren sehr intensiv mit unterschiedlichen religionen auseinandergesetzt, bin eigentlich ein zen-schüler, ein taoist. schlagwörter wie neugierde, mitgefühl, geduld und querdenken begleiten mich dabei. eigentlich möchte ich mich mein leben lang in einer art pubertät befinden, wo alles grundsätzlich in frage gestellt wird, die neugier dominiert.

was inspiriert dich besonders?
dass ich am leben bin. ich glaube, wir unterschätzen heute alle, dass dies das größte geschenk ist. ich finde es wahnsinnig toll zu leben. wenn jemand glaubt, dass man nur glücklich sein kann mit einem teuren auto oder einem dicken bankkonto, dann ist das falsch.

wie lautet dein lebensziel?
ich möchte nie träge, nie faul, nie nachlässig werden. ich möchte verschiedene musikrichtungen gegeneinander ausspielen, verbinden, gegensätze aufheben, reibung erzeugen.

deine liebsten musikinterpreten?
grundsätzlich liebe ich musikalische extremisten. all jene, die neues, außergewöhnliches entwickelt haben. dazu zählen unter anderem miles davis, gordon dexter, jimi hendrix oder ray charles, aber auch klassische komponisten wie ravel oder debussy, die diese avantgardistische zartheit in der musik schufen.

deine lieblingsbücher?
ich habe immer viele bücher auf meinen reisen mit. „pure dead, rich dead“, beispielsweise oder bücher über die zen-kultur. „zen and the art of making living“ ist so ein unglaubliches buch, aus dem ich immer schöpfen kann. zudem habe ich immer lernbücher bei mir. zurzeit beispielsweise latein- und spanischbücher. ich lerne latein, weil ich der meinung bin, dass es die wurzel aller europäischen sprachen ist.
fotos: stephan doleschal
gentleman in white
sänger, schauspieler, weltreisender, lebenskünstler, philosoph, entertainer - louie austen, 57, ist vieles und der beste beweis dafür, dass das leben nicht nur aus schwarz- und weiß-kategorien besteht. erst die vielfältigkeiten, detailreichen schattierungen und nuancen machen sein leben so abwechslungsreich und aufregend. wiewohl die farbe weiß bei austen doch einen ganz besonderen stellenwert besitzt ...
„ohne hässlichkeit gäbe es nicht das schöne. erst gegensätze wie schwarz und weiß ermöglichen es vergleiche anzustellen.“ solche philosophischen ansichten sind typisch für den sänger und entertainer louie austen. sie dokumentieren die geschichte eines mannes, der aus einfachen verhältnissen stammt und dessen lebensweg sich außergewöhnlich, jedoch immer mit klaren prinzipien gestaltet hat. wie ein roter faden zieht sich eine unbändige neugier, eine rastlose suche nach dem neuen, dem außergewöhnlichen durch sein leben. als junger mensch stand sein wunsch schlagersänger zu werden an erster stelle. im stile eines frank sinatra oder bing crosby wollte er balladen über die liebe und das leben singen. doch bald, nach einer opernsänger und schauspielausbildung, sollte sich wieder die neugier durchsetzen und seine entdeckungsreise ihn über südafrika bis nach australien und amerika führen. in den usa schließlich traf er auf stilprägende persönlichkeiten aus dem jazz-business, die ihn bis heute nachhaltig geprägt haben. seit 1980 ist louie zwar in wien „hängen geblieben“, wobei ihm eine seit drei jahren anhaltende tournee als sänger wenig in seiner größtenteils in weiß gehaltenen wohnung ruhen lässt. der große forschersinn brachte den schlagersänger vor einigen jahren schließlich zur zeitgenössischen elektronischen musik, rund um downbeat, house, easy listening oder 80ies-disco-sound. ganz im sinne austens, gegensätze aufzuheben, tritt der old school-entertainer heute zumeist ganz in weißer und eleganter kleidung in dj-clubs auf, um dort vor jungem publikum sein stimmliches timbre zu blubbernden drum’n bass- und house-beats zu entfalten. im gespräch mit pool sinniert austen über die drum’n bass-loops, die treue zu sich selbst und schöne menschen.

louie, erzähl ein bisschen über deinen werdegang!
ich wollte in den 60er jahren schlagersänger werden. als arbeitersohn habe ich in einer bar vorgesungen, wobei ich da eher gejammert und gewimmert habe. damals habe ich den rat bekommen: wenn du von diesem beruf leben willst, musst du gesang, schauspiel und tanz studieren. das habe ich dann am konservatorium der stadt wien getan. ich hatte eine tolle lehrerin, die mir das gefühl gegeben hat, anders sein zu dürfen, angstfrei zu studieren – sozusagen, dass man als marsmensch auch eine existenzberechtigung hat. ich hatte schon als kind eine extreme neugier, wollte immer erforschen, entdecken, ausprobieren. mit 9 haben mir meine eltern dann ein akkordeon gekauft. einmal pro woche ging ich zum musiklehrer, wobei meine eltern überhaupt nicht musikalisch vorbelastet waren. der eigentliche start meiner musikerkarriere fand aber in einem gasthaus statt. in einem dunklen hinterzimmer ist ein klavier gestanden, wo ich mich voll neugier hingesetzt habe und zu spielen begann. ich habe dann auch relativ jung als eleve am theater gespielt und nach abschluss der bühnenreifeprüfung gesehen, dass viele der alten schauspieler depressiv und alkoholiker geworden waren – und ich wollte weg, sagte mir: das leben muss spannend sein ...
dann bin ich nach südafrika ausgewandert, wo mich aber die apartheid und der rassismus sehr gestört haben. 80 prozent meiner vorbilder waren schwarze, mein großvater widerstandskämpfer, ich kann solche ungerechtigkeiten nicht ertragen, kann meinen mund nicht halten. ich sagte mir, o.k., wenn ich nicht kämpfen, diesen zustand nicht ändern kann, gehe ich woanders hin. also ab nach ... australien. dort angekommen war es zwar ganz in ordnung - schöne mädchen, sandstrände, country und rythm&blues - aber ich wollte mein leben nicht mit vier akkorden verbringen. zusätzlich verdiente ich mir dann dort als automechaniker mein geld. doch relativ bald sagte ich mir: hey. ich bin ausgebildeter sänger, also ab ins gelobte land, nach amerika. in die usa bin ich als u-boot eingereist. zuerst nach new york, dort habe ich mit wenig geld den blues gelernt. es herrschte große armut, aber es gab ein tolles musikalisches umfeld bei der „harlem blues & jazzband“. die bandmitglieder waren alle zwischen 60 und 70 jahre, tolle menschen, die zwar in armut lebten - aber in würde. sie waren immer elegant gekleidet, richtige sirs. die haben mir erklären können, worum es im leben eines musikers eigentlich geht. sie haben gesagt: wenn du mit der musik, die du machst und die du liebst, die miete und dein essen bezahlen kannst, dann ist das schon ein tolles privileg, eine gnade. in amerika sang ich oft für eine portion spagetti und ein getränk.

wie bist du eigentlich an diese musiker heran gekommen?
ich bin den leuten einfach nachgelaufen. irgendwann haben sie gefragt: wer bist du eigentlich, und was kannst du? natürlich habe ich mir vor ehrfurcht und ohne selbstvertrauen fast in die hosen gemacht als ich ihnen sagte das ich sänger sei. aber diese musiker waren menschlich sehr nett. bald darauf sang ich in diversen new yorker jazz- und musikclubs.

was sagst du zu leuten, die zwar einen gut bezahlten job haben, aber nicht glücklich sind. viele leute wollen zwar etwas ändern, trauen sich dann aber nicht?
wenn ein musiker zu viel geld bekommt, wenn er verwöhnt wird, dann wird er träge und fett. ich muss immer das gefühl haben, dass ich nichts geschenkt oder gratis bekomme, das ist sozusagen meine „hungerkur“. alles sollte man sich erarbeiten, sich verdienen. natürlich ist reichtum und glanz faszinierend. ich trenne meine auftritte als sänger und mein privatleben ganz strikt, ziehe mir am abend gerne einen smoking an, lasse mich mit einer limousine abholen und singe in einer schönen bar. privat jedoch fühle ich mich vom flair, von der energie her eher am campus, einer studentischen umgebung daheim. ich besitze auch kein auto, bin nur mit dem fahrrad unterwegs – und das ganz bewusst. das ist ein ganz klarer lebensplan! touren ist für mich dann disziplin üben, harte knochenarbeit leisten. nichts kommt zufällig. jeder mensch ist dort, wo er hin wollte, wo er hin kann. man muss sich, wie in meinem fall, jeden fan verdienen.
ich toure jetzt seit drei jahren unentwegt, habe mir gesagt: wenn du diese neue form der musik, also den mix zwischen gesang und elektronischen sounds, machen willst, dann musst du das jetzt durchziehen.
ich verdanke es ausschließlich den jungen menschen mit ihrer offenheit, dass ich als leguan in diesem streichelzoo funktionieren darf. denn so wie ich aussehe, so alt wie ich bin, kannst du normalerweise eine karriere im casting- und pop-business vergessen. ich sehe das völlig neid- und wertfrei. ich muss halt den harten weg der überzeugung gehen. wo ich hinkomme heißt es gleich: was macht denn der alte da, bitte? wenn die leute dann nach dem ersten lied gefallen an mir finden und sagen, „hey, der alte ist eigentlich o.k.“, ist das wunderbar. das schönste kompliment ist, wenn die leute sagen: „seit ich dich singen gesehen habe, habe ich keine angst mehr so alt zu werden wie du.“

wie wichtig ist die treue des menschen zu sich selbst. bist du dir immer treu geblieben?
man kann sich insofern treu bleiben, indem man immer etwas neues ausprobieren möchte, es nie langweilig wird. es gibt ja viele musikerkollegen, die mit 35 stehen geblieben sind und aufgehört haben, sich weiter zu entwickeln. für mich ist die heutige zeit die beste, die es je gegeben hat – und das in jeder beziehung! es ist einfach alles möglich, du kannst dir zuhause dein eigenes musikstudio einrichten, kannst dir 1.000 verschiedene drum’n bass-loops runterladen, und brauchst nicht viel geld dazu. das war vor kurzem noch alles unmöglich. ebenso ist die kommunikation unkompliziert geworden. du musst nur auf die menschen zugehen, ihnen sagen, was dir gefällt. in der elektronikmusik-branche ist es am besten, du packst dich zusammen, gehst in die clubs, hörst dir an wie dieser und jener dj auflegt, sprichst die leute an, und ich kann dir versichern, spätestens beim 10. mal sagt jemand: o.k., machen wir einmal etwas gemeinsam. garantiert!

wo liegt dein antrieb, deine persönliche triebfeder?
als künstler und sänger immer besser zu werden, immer ausgefeiltere songs zu schreiben. ich bemühe mich ständig dem publikum alle meine erfahrungswerte darzulegen. persönlich bin ich von allen kritikern der welt sicherlich der kritischste. mein antrieb ist der hunger, der hunger nach neuem. auch selbstdisziplin ist ein wichtiges element. vielleicht hatte ich aber auch oft nur verdammtes glück ...

was sagst du leuten, die immer alles in schubladen einordnen wollen: in schwarz und weiß, in alt und jung, in gut und böse, in schön und hässlich usw?
es gibt eigentlich eine ganz simple erklärung dafür: ohne hässliche menschen gäbe es nicht die schönen. erst durch gegensätze wie schwarz und weiß ist es überhaupt möglich, vergleiche anzustellen! grundsätzliche bewertungen würden gar nicht existieren. nach meinen philosophischen ansichten sind gegensätze eigentlich nicht vorhanden, weil das eine ohne dem anderen nicht existieren könnte. kurz ist ja nicht möglich ohne lang, groß kann nicht sein ohne klein. würden sich diese menschen überlegen, dass gegensätze im grunde eine einheit darstellen, würden sie die welt besser verstehen.

welche bedeutung hat für dich die farbe weiß?
weiß ist der anfang und weiß ist das ende. weiß hat eine menge vorteile: es lässt einem sehr viel freiraum. man braucht nur einmal in italien, spanien oder griechenland eine weiß gekalkte hauswand beobachten, wie das sonnenlicht im laufe des tages das weiß in vielen tausend farbschattierungen erscheinen lässt. ein fotograf oder ein maler wird das wahrscheinlich am besten verstehen können. eine weiße wand ist nie weiß, sie verändert sich mit jedem lichtverhältnis: wenn es bewölkt ist, erscheint sie in grauen farbtönen, wenn die sonne den ganzen tag eine weiße wand anstrahlt, ist die farbe immer eine andere. weiß ist die summe aller spektral-farben. weiß ist einfach genial – sowohl als leeres blatt papier als auch in der vollendung eines romans.
in den verschiedenen kulturen hat die farbe weiß zudem auch unterschiedlichste bedeutungen: einerseits repräsentiert sie die reinheit, den beginn, andererseits den tod und das ende, wie beispielsweise in indien oder china. in unserem kulturkreis dokumentiert weiß den beginn, das jungfräuliche: weiß ist das brautkleid, die babywindel, das neue ... für mich als kreativen menschen bedeutet diese farbe immer den prozess von etwas neuem, eine neue komposition, eine neue richtung. bei weiß ist nichts vorgegeben, alles ist offen, es herrscht eine herrliche leere. wenn farben bei meiner kleidung, in meiner umgebung zum ausdruck kommen, dann sind es eher pastelltöne. je stärker die farben, umso mehr tritt die festlegung, die dominanz in den vordergrund und es wird zuviel für mich. ich sehe mich eher in den dünnen, zärtlichen, blässlichen farbtönen – vielleicht auch in den weiblichen. ich finde überhaupt, ein mann sollte auch weiblich denken können, keine angst vor der weiblichkeit haben. wir männer können sehr viel vom weiblichen denken und fühlen lernen ...
betrachte einmal jene frauen, die als sogenannte mauerblümchen bezeichnet werden, die jeder gerne übersieht. für mich tragen diese eine wesentlich intensivere ausstrahlung inne als jede andere schönheit. mich langweilt ein schöner mensch. oft wirken schönheiten wie masken, wirken leblos. ein mensch, der nicht so perfekt ist, ein schiefes ohr hat, ein muttermal im gesicht trägt oder die augenbraue ein bisschen höher hat, wirkt aus jeder perspektive anders, wirkt interessanter. ich weiß auch nicht für wen diese werbung der makellosigkeit gemacht wird? vor allem, wenn man sich vorstellt, dass viele models nicht älter als 14 jahre alt sind und am computer das eine oder andere bein verlängert, korrigiert wird. ich lebe mein leben nach meinen vorstellungen, lasse mich durch die vorgaben gewisser schönheitsideale nicht irritieren. ich weiß, wo ich hingehen möchte sowohl in bezug auf ernährung, als auch auf kleidung und im leben. ich finde, es dürfte kein schwarz/weiß-denken geben, weil das leben sich in tausend schattierungen abspielt. verzeihen können, keine perfektion verlangen, es zu tolerieren, dass man sich eben nicht ganz klar auf gewisse meinungen festlegen möchte.

wie beurteilst du eigentlich die aktuelle entwicklung im musikbusiness?
die großen musiklabels haben einiges verschlafen, finde ich. wie soll sich ein junger mensch heute drei musik-cd’s pro monat um je 25 euro leisten können? der trend zum download wurde einfach ignoriert, unterschätzt, nicht wahrgenommen. in den letzten fünf jahren hätten die großen majors schon lange ihre portale installieren können. jetzt machen es eben andere. ich habe überhaupt kein problem damit, wenn sich jemand einen song von mir in topqualität, um einen euro aus dem internet herunterlädt! wenn das tausend male pro jahr passiert ... ich würde ja gleich junge menschen als kreativdirektoren einsetzen, die würde ich dann fragen: was wäre cool, was wäre geil, was würdet ihr besser machen, in welchen läden würdet ihr einkaufen usw.? dass hier ein paar kinder wegen musik-downloads von riesenunternehmen geklagt werden, ist ja nur ein zeichen von hilflosigkeit.
helmut wolf
pool journal