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foto: swarovski
sanfte wogen
sinnieren über sinnlichkeit. was wird gemeinhin als sinnlich beschrieben? der duden kennt folgende synonyme: lüsternheit, liederlichkeit und glut. doch ist sinnlichkeit wirklich so drastisch auf sex und erotik zu reduzieren? ist sinnlichkeit nicht viel mehr das antonym, das gegenteil davon?
ist sinnlichkeit nicht gerade gefallen ohne jenen begehrlichen beigeschmack, reizen ohne jene gier zu wecken, verlangen ohne jene animalische note? ist sinnlichkeit nicht der ausweg aus sexyness, nacktheit und blöße? leichter als sinnlichkeit zu definieren fällt es, ihr gegenteil zu benennen. meine liste von unsinnlichen personen, dingen und tätigkeiten wäre endlos lange. doch was bezeichne ich selbst als sinnlich? in der mode habe ich diese saison wohl glück. denn endlich ist schönheit und sinnlichkeit wieder zurückgekehrt. als besonders sinnlich würde ich viele dinge bezeichnen, allen voran edle stoffe, schönes leder oder weichen pelz. doch da fällt mir ein, dass sinnlichkeit nicht mit luxus zu verwechseln ist. denn sinnlichkeit ist eine demokratische tugend. ich erinnere mich an meine liebe studienkollegin aus brasilien, aufgewachsen in bescheidenen verhältnissen in der millionenstadt sao paulo. sie konnte aus einem simplen stück stoff ein sinnliches, atemberaubendes etwas zaubern.
sinnlich ist auch der angenehme griff zu meiner lieblingsjeans. das raue und gleichzeitig zarte gefühl, wenn man an dem von der zeit gezeichneten denim entlang streicht. auch ein blick in meinen schuhschrank ist mir ein sinnliches vergnügen. besonders wenn ich zeit habe, all die hübschen schuhkartons zu öffnen, den duft des leders zu riechen und dem rascheln des seidenpapiers zu lauschen. ein bewundernder blick auf die jungfräuliche ledersohle jener schuhe, die schon jahrelang im schrank auf ihren ersten einsatz warten. doch deckel zu, jener moment ist noch nicht gekommen. denn, das habe ich mir ganz fest vorgenommen, erst zu einem besonderen anlass werden diese schuhe straßenpflaster berühren. ich erinnere mich an ein gespräch mit schuhdesigner armando pollini. auch er schwärmte für die sinnlichkeit von frauen in schönem schuhwerk, doch immer wieder erkannte man die unschuldigkeit jener schwärmerei. denn echte sinnlichkeit hat nichts geheimes, nichts dunkles, nichts schmutziges, nichts anrüchiges an sich. sinnlichkeit fasziniert nur, sie verführt nicht. auch ganz simple dinge können von großer sinnlichkeit sein. die konsistenz, der geschmack einer speise etwa, oder ein schnöder alltagsgegenstand können sinnliche reize ausüben. essentiell ist jedoch, dass sinnlichkeit ein erlebnis darstellt, das ohne konsequenzen bleibt. im betrachten einer sinnlichen frau, eines sinnlichen mannes liegt noch keine spur von begehren. so wie auch sinnliche mode gefallen, nicht auffallen will. denn meist zieht sie ihre wirkung nicht aus einem ausladenden dekolletee, einem knappen schnitt oder einem schreierischen design. im gegenteil, es ist der subtile luxus, der ein kleidungsstück sinnlich macht. ein toll fallender stoff, linien, deren sanftes wogen erst im gehen auffällt. nur wenige im modebusiness sind dieser magie jemals gerecht geworden. schließlich lebt sinnlichkeit auch von der diskretion, von der zurückhaltung und der achtsamkeit, mit der sie behandelt wird. denn sinnlichkeit ist ein stiller genuss. ein genuss, der alle sinne beansprucht, uns so einnimmt, dass er nur in der ruhe genossen werden kann.
um die volle tiefe der sinnlichkeit auszuloten braucht es vertrauen, zeit und gelassenheit. schließlich ist es unmöglich, sinnliche erlebnisse zu erzwingen. in dem maße, wie sinnlichkeit nicht planbar ist, muss man allerorts und zu jeder zeit bereit sein, jene seltenen augenblicke voll sinnlichkeit zu genießen. jener plötzliche schauer, der einen beim berühren eines angenehmen stoffes durchfährt, jener momentane tiefe genuss beim kosten einer speise, jener flüchtige duft von erde, die man bei einem waldspaziergang auffängt. all das ist sinnlich. weil es tiefe zufriedenheit stiftet und gleichzeitig endlich ist. auf dass man sich bald auf die suche nach der nächsten sinnlichen erfahrung begeben kann. wo auch immer man von ihr überrascht wird.
martina müllner
pool journal