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düfte berühren
inbegriff des duftes und aller parfums. aromatischer mythos rund um schönheit und eleganz. duftende aura der verführung, der sinnlichkeit und des stils. wer an die französische duftmarke chanel und deren gründerin coco chanel denkt, kommt unweigerlich ins schwärmen, und dennoch scheint keines dieser überschwänglichen attribute als übertrieben. jacques polge, seit vielen jahren offizielle „nase“ von chanel, und thomas jünemann, marketingdirektor parfum und beauté chanel deutschland, können das im gespräch mit pool nur bestätigen.
„eine stunde ist nicht nur eine stunde; sie ist ein mit düften, mit tönen und vielen anderen empfindungen angefülltes gefäß.“ was der französische dichter marcel proust hier so treffend über die allgegenwärtigen momente der sinnlichkeit umschreibt, ist für die duftmarke chanel seit über 80 jahren grundlegendes fundament aller parfum-kreationen. erst das „richtige“ duftsignal des einzelnen, entscheidet über aura und ausstrahlung, weckt bestimmte gefühle, beeinflusst das soziale verhalten der menschen. wer sich „gut riechen kann“, findet einander anziehend. wahrscheinlich weiß das niemand so gut wie das traditionsunternehmen mit hauptsitz in neuilly, nahe von paris. seit vielen jahren werden dort in firmeneigenen forschungsprojekten und –labors neue pflegekonzepte und wirkungsweisen von düften erforscht, weiter entwickelt - damit die welt duften möge. chanel verfügt als einer der wenigen parfumhersteller noch über einen eigenen parfümeur:
jacques polge (siehe auch interview), offizielle „nase“ der duftfirma, hält seit 1978 ausschau nach blumenblüten aus allen winkeln der welt, beweist den richtigen riecher für erfolgreiche duft-kompositionen wie „coco“, „egoïste“ oder „allure“. polges duftender alltag bewegt sich zwischen exotischen pflanzen und blüten, deren harmonische mischungen dann in die 17 duft-variationen fließen. über die grundsätzliche faszination von düften und parfums können thomas jünemann, marketingdirektor parfum/beauté chanel, deutschland, und jacques polge, kreateur von insgesamt 10 chanel-duftnoten, einiges erzählen ...

lieber jacques polge, haben sie als duft-creatéur einen gewissen typ von menschen vor augen, bevor sie ein neues parfum entwickeln oder geschieht das eher intuitiv?
j.p.: die größte rolle spielt die intuition, chanel lässt mir da relativ freie hand. ich habe immer eine genaue vorstellung davon, wie das parfum riechen soll. dann experimentiere ich so lange, bis diese vorstellung realität wird. am schluss bleiben meist zwei duftversionen übrig - eine kommt dann auf den markt.

es gibt angenehme düfte und aufdringliche düfte. ab wann wird ein parfum-duft aufdringlich?
j.p.: ich zögere ein bisschen, hier strikte regeln zu verkünden. so kann es eine vielfalt von düften für eine vielfalt von unterschiedlichen menschen geben. es gab bis in die 50er-jahre noch nationale parfum-kulturen. in frankreich etwa herrschte die überzeugung, dass die tugend keinen geruch hat. es war unmöglich einen guten geschmack zu besitzen und gleichzeitig ein starkes parfum zu benutzen. diese idee hat sich in frankreich lange gehalten, vielleicht wirkt sie bis heute. rund um die mitte des jahrhunderts haben die amerikaner angefangen, erfolgreich parfums zu kreieren. es entstanden große marken, die eine neue amerikanische parfümerie schufen, die ganz anders funktionierte. danach ist parfum eine teure angelegenheit, und wer sich dieses teure gut leisten kann, will es auch zeigen.

sind düfte zeitlich begrenzten trends unterlegen? bleibt ein guter duft immer gut - siehe „chanel n° 5“?
j.p.: ein parfum ist eine verquickung von zeitgeist, charme, verführungsgabe - und markenphilosophie. chanel parfums sind keine modeerscheinungen, sondern werden als klassiker konzipiert. der damalige chef-parfümeur ernest beaux hat von coco chanel 1921 den auftrag bekommen, „ein parfum für frauen mit dem duft der frauen“ zu erschaffen. er hatte offensichtlich den richtigen riecher!“

lieber thomas jünemann, worin liegt die große faszination für das parfum, für den parfum-duft im allgemeinen?
t.j.: parfum steht seit jeher für verführung, träume und sehnsüchte, ist sinnlicher ausdruck von weiblichkeit oder männlichkeit. düfte berühren die seele, weil sie empfindungen wecken, erinnerungen wachrufen. wenn menschen erklären, warum sie ein bestimmtes parfum benutzen, sprechen sie häufig über ihr inneres.
darüber hinaus ist parfum ein kleines stück luxus, das erreichbar ist. ein schmuckstück, das man sich leistet, das stil verleiht.

„nichts ist sinnlicher als natürlichkeit“, lautet eine botschaft zum neu lancierten männer-parfum „allure homme sport“. woraus definiert sich eigentlich ein natürlicher duft?
t.j.: die natürlichkeit, die jaques polge bei diesem parfum im sinn hat, ist eine unverstellte männlichkeit. ein mann, der es liebt, sich an der frischen luft zu bewegen, der ungestylt ist, womit nicht ungepflegt gemeint ist. er hat eine sportliche einstellung zum leben. diese idee von natürlichkeit hat jacques polge umgesetzt in einem duft, den er auf ein solides olfaktorisches fundament gesetzt hat. vier duftfacetten, die zusammen einen duft von strahlender, offener sinnlichkeit ergeben: eine frische facette mit mandarine und orange aus kalabrien und sizilien, neroli aus tunesien und einer grünen aquatischen aldehydnote; eine sinnliche facette, die durch die tonka-bohne aus brasilien, einer weißen moschus-note und ambra-note entsteht; eine holzige facette durch atlas-zeder und vetiver und einer würzigen facette, die ihre wärme und klare schärfe dem schwarzen pfeffer aus madagaskar verdankt.

sollte ihrer meinung nach ein parfum den charakter eines menschen „unterstreichen“ oder eher mit einer duftnote neu „erstrahlen“ lassen?
t.j.: zur zeit zeigt sich ein trend, düfte wie accessoires zu tragen, die man je nach stimmung und anlass wechselt und seinen charakter somit immer wieder in neuem licht erstahlen lässt, unterschiedliche persönlichkeiten aufträgt, durch styling, make-up und verschiedenste düfte. die parfumindustrie lanciert pro jahr rund 200 neue düfte. diese modedüfte sind jedoch extrem kurzlebig, eben trends unterworfen, die man auch wieder ablegt, und die austauschbar sind. chanel-parfums sind düfte, die persönlichkeit und facetten eines menschen unterstreichen und sie nicht überlagern. viele chanel-liebhaber bleiben „ihrem duft“ auch jahrlang treu und haben in unseren parfums einen duft gefunden „der zu ihnen passt“.

auf welcher „körperzone“ entfaltet sich ein parfum am optimalsten?
t.j.: duft entfaltet sich am besten an gut durchbluteten körperstellen, die warm und pulsierend sind, und wo die haut besonders zart ist: am handgelenk, im nacken, auf dem hals, hinter dem ohr. auch haare sind ein toller duftträger! aber unsere grande dame coco chanel war der überzeugung: „ parfümieren sie sich dort, wo sie geküsst werden möchten!“

geruchseindrücke sind auch in der partnerwahl mitentscheidend. der duft spielt bei der erotischen anziehung eine große rolle. als parfum-marke nimmt man in diesem zusammenhang ja eine ganz entscheidende rolle ein ....?
t.j.: das ist richtig. wenn menschen sich nicht riechen können, ist das ein sinnlicher ausdruck von ablehnung. und das gegenteil ist das, was chanel als parfum-marke erreichen möchte: mit qualitativen und luxuriösen parfums begehrlichkeit und anziehung zu wecken. in erster linie hat „unsere nase“ jacques polge jedoch bei der kreation eines duftes die absicht, dem träger des duftes selbst das gefühl von luxus, von besonderheit zu geben. wer sich weiblich bzw. männlich und begehrenswert fühlt, strahlt gleichzeitig auch erotische anziehungskraft aus.

mit welchem lebensgefühl würden sie die düfte von chanel charakterisieren?
t.j.: die welt von chanel steht für luxus, eleganz, tradition und innovation zugleich. in diesem kosmos stehen all unsere parfums, wobei jeder einzelne duft seine individuelle aussage hat: unser jüngster damenduft „chance“ steht für spontanität, glück und lebensfreude. ein duft für frauen, die an ihre persönlichen chancen glauben, sie erkennen und spontan zugreifen. „allure homme sport“ ist ein duft für männer, die natürliche ausdruckskraft und unbeschwerte lebenslust vermitteln.
helmut wolf
pool journal