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häufig gestellte fragen
wie lautet deine lebensphilosophie?
ich habe keine lebensphilosophie. deswegen habe ich wahrscheinlich 15 jahre damit verbracht, durch film, foto, musik etc., die lebensphilosophie von anderen leuten zu übernehmen.

was ist dir besonders wichtig?
da gäbe es so viel ... ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – aber menschlichkeit und liebe wären sicherlich ganz oben in der liste anzuführen.

deine lieblingsmusik?
so aus dem bauch heraus: a certain ratio, new order, lee scratch perry, augustus pablo, the fall orchestra boabab, fela kuti, rabindra nath tagore, curtis mayfield, massive attack, amanda shankar … dub reggae und hip hop im weitesten sinne

deine lieblings-schuhe?
die, die ich jetzt trage: camper 1910 in corduroy
in sich gehen
mediterranes landleben und urbanität, zwei spannende gegenpole, mit denen die spanische schuhmarke camper die sogenannte „walking society“ gründete. eine globale bewegung von individualistischen spaziergängern, die historisch gewachsene traditionen und modernität ebenso lieben wie den komfort und ideenreichtum. das fundament dieses spirits bildet die landschaft mallorcas, wo sich der hauptsitz des unternehmens befindet und von wo aus auch kreativdirektor shubhankar ray seine gedanklichen wanderungen startet ...
wer langsamer geht, sieht mehr. sich von einem ort zum anderen zu bewegen bedeutet oft reisen: zu anderen kulturen, in andere lebenswelten. und wenn augen und „sinnesantennen“ offen sind, können die vielfalt und der reichtum unterschiedlicher bräuche und eigenschaften neue perspektiven eröffnen. für die mallorquinische schuhmarke camper ist gehen und „geistiges reisen“ seit vielen jahren tragendes element. inspiriert durch die geschichte, kultur und mediterrane landschaft der insel mallorca, hat die spanische marke nicht nur wunderbar-komfortable und ästhetische schuhe, sondern auch produkte „mit seele“ geschaffen. ein humanistischer grundgedanke aus dem mittelmeerraum, der sich über das genussvolle gehen definiert. „walking society“ nennt das unternehmen dieses weltweite netz von menschen, dessen gemeinsamer inhalt aus der kraft der kreativität, des bewusstseins für kulturelle vielfalt und des friedlichen miteinanders besteht.

die image-kampagnen von camper haben euch schon nach ägypten, marokko, griechenland, italien, frankreich und natürlich auf die spanische insel mallorca geführt, wo sich der sitz des unternehmens camper befindet. immer wieder stellt ihr dabei die einfachen menschen, die landschaft in den vordergrund? was fasziniert dich persönlich an diesen reisen, was lernst du persönlich daraus?
das normale, alltägliche wirkt sehr außergewöhnlich, wenn man ein zweites mal hinsieht. ich bin 10 jahre lang zu den verschiedensten orten gereist, habe filme produziert, shootings betreut, habe „einfache kulturen“ in ein starkes verkaufsmedium, wie etwa anzeigen/werbungen, integriert. ich versuche, das so genannte normale mit bedeutungsvollen inhalten und anspruchsvollen kunstebenen aufzuwerten ... letztendlich um eine kontextänderung zu erreichen. wie oft werden millionen von dollar für globale werbekampagnen ausgegeben, die schließlich nur eine leere hülle sind, über keinen inhalt verfügen. da camper in einer mediterranen gegend angesiedelt ist, unser leben aber durch globalisierung und amerikanisierung geprägt ist, bildet der ausdruck der multikultur, auch der mediterranen vielfältigkeit, eine art ausgleich zum sonst eher üblichen weg der monokultur. ich liebe die fremdartigkeit in der normalität, deshalb habe ich meinen fokus auf reale leute an realen plätzen gerichtet ...

„walk, don’t run“, lautet einer eurer slogans. auf der anderen seite hetzen die menschen heute oft nur noch durch den alltag, übersehen vieles. wollt ihr die menschen sozusagen wieder zu mehr genuss, zu mehr sinnlichkeit verführen?
in unserer heutigen, schnelllebigen konsumwelt werden die menschen permanent mit einer fülle von informationen, produkten, bildern überhäuft. wir nehmen immer weniger wahr, denken letztendlich auch weniger darüber nach. in diesem umfeld kann ein konzept namens „walk. don’t run“ – das eigentlich auf dem mallorquinischen sprichwort „poc-a-poc“ (schritt für schritt oder „langsam ... langsam“) beruht – die leute dazu anhalten, für einen moment den konsum ruhen zu lassen, in sich zu gehen. meine absicht ist es, den konsumenten weg vom lifestyle hin zum „mindstyle“ zu bewegen. bei uns kommt als erster immer eine bestimmte denkweise zum tragen, dann erst kommt die marke, das produkt, das image. diese mentalität beruht auf psycho-geographischen ansätzen, wie man sie in mediterranen gegenden erlebt.

camper, was ja eigentlich so viel wie „bauer“ heißt, ist ein weltunternehmen und verströmt trotzdem eine wunderbare mischung aus ursprünglichkeit, ästhetik und urbanität. wie schafft ihr eigentlich diesen doch sehr schwierigen spagat?
viele philosophen sprechen davon, dass widerspruch ein zeichen von intelligenz ist - da gleichzeitig zwei gegensätzliche ideen im kopf auftreten. für camper trifft das insofern zu, als wir aus einer ländlichen gegend kommen und schuhe für urbane städte designen. dadurch, dass wir extrem reale, widersprüchliche bilder aus der mediterranen umgebung zeigen, können wir eine alternative zu den angloamerikanischen modellen der globalisierung und des konsum einbringen, wo jeder immer sexy und cool ist. beispiele aus unseren letzten kampagnen für diese offensichtlichen gegensätze waren etwa: kartenspieler und pferdereiter, welche in mallorca aufgenommen wurden; alte männer mit fetten eiern und kleinen autos, aufgenommen in napoli; imker und ein tanzendes pärchen, aufgenommen in der provence; kamele, beduinen und eine moderne cleopatra, aufgenommen in kairo usw.

woher glaubst du, kommt diese wachsende sehnsucht der menschen nach authentischen, nach „echten“ dingen und werten im leben?
unser steigendes verlangen nach authentizität, ehrlichen und menschlichen werten rührt daher, dass wir die erste kultur in der menschlichen geschichte sind, deren leben nicht durch die natur geformt wird, sondern durch das image von massenmedien. wir verbringen mehr zeit damit, uns programme über natur im fernsehen anzusehen, als die realen dinge zu erleben. wir schauen uns an mehr abenden sex im fernsehen an, als einen anderen menschlichen körper zu berühren. aufgrund dieses steigenden technotrends ist es nur natürlich, dass wir dagegen reagieren, um den menschlichen bedürfnissen wieder näher zu kommen. beispielsweise können wir das im industriellen design und dem techno-organischen trend bei objekten, möbelstücken und der architektur beobachten.

wie ist es generell möglich, modernität und zeitlosigkeit in einen kontext zu bringen?
meine arbeit ist geprägt durch veränderung des kontextes. heutzutage findet man überall bilder und sounds in unserer kultur, wobei das übertreten von landesgrenzen – von einem land in ein anderes – differenzen hervorruft, was ich wiederum sehr interessant finde. grundsätzlich designe ich eine universelle sprache, indem ich fotos, film, musik, wortspiele und medien verwende, woraus sich wieder ein visuelles alphabet formiert. so wie das bei uns aufgebaut ist, bleibt genügend raum für interpretationen, und somit gelangen modernität und zeitlosigkeit in das unterbewusstsein der konsumenten.
unsere kampagnen verfügen über eine art ideenübertragungssystem, wo differenzen und kontext ausgespielt werden, sich ländliche ironie und humor vermischen. letztendlich ist es wie ein punkrock-mix, der es den konsumenten erlaubt, deren bedeutungen individuell auszulegen, sich vielleicht sogar ein paar gedanken darüber zu machen. um beim thema mode wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir uns modetrends ansehen, ohne jedoch von diesen beeinflusst zu werden. was ich damit meine ist, dass es für camper besser ist, ein teil der generellen welt, des menschlichen und sozialen kontextes zu sein, aber außerhalb der modewelt zu agieren - unabhängig und ohne jegliche vorurteile!

vieles ist austauschbar geworden, wird schnell vergessen, weggeworfen. das ist bei produkten ebenso wie beim zwischenmenschlichen. wie könnte es deiner meinung nach im sozialen wie im materiellen funktionieren, den dingen wieder mehr wert, eine tiefere seele zu verleihen?
aus soziokultureller sicht können dinge zu höheren werten gelangen - anstatt durch kulturkapitalismus eine wegwerfgesellschaft zu erhalten. in unserer welt gibt es verschiedene menschen: jene die kultur machen, jene die kultur kaufen und jene, die sich absolut nicht für kultur interessieren ... ich versuche, mich zwischen jenen aufzuhalten, die kultur machen und kaufen. durch einen verantwortungsvollen, ehrlichen ansatz kann jeder einzelne von uns einen beitrag zu unserer welt leisten.

wo liegt für dich die tägliche antriebsfeder für deine arbeit, für dein leben?
die motivation für mein leben und meine arbeit hole ich mir durch meine umgebung, meine frau und meine kinder. geboren wurde ich in kalkutta, indien; in england ging ich auf die schule, und nachdem ich die universität abgeschlossen hatte, war ich tagsüber als umweltwissenschaftler tätig, und nachts beschäftigte ich mich mit club-culture und musik. seit über 15 jahren bin ich in diesem business, arbeitete für firmen wie levi’s, caterpillar und camper, aber auch für andere, weniger bekannte modemarken. diese erfahrung – verbunden mit dem kennenlernen anderer kulturen, sprachen, bräuche, musikrichtungen und essen – inspiriert mich. andere einflüsse entstammen einer welt, die fern meiner alltäglichen realität ist: musik, soziale aktivitäten, kunst – da ich dadurch meine eigene weltanschauung immer wieder überdenke und neu formuliere.
helmut wolf
pool journal