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häufig gestellte fragen
was macht dich besonders glücklich?
wenn etwas gelingt, und ich diese erfahrung mit anderen teilen kann.

wovon träumst du?
wunschträume hatte ich als kind. jetzt versuche ich, alles was mir einfällt zu realisieren. das beschäftigt mich derart, dass ich keine zeit und auch kein interesse für wunschträume habe. aber ich sammle meine schlafträume sofern ich mich daran erinnere und zeichne und schreibe sie sofort nach dem aufwachen in kleine büchlein, das ist eine gute inspirationsquelle.

dein liebster ort?
unterwegs

dein lieblingsbuch/deine lieblingsmusik?
mich auf eine lieblingssache zu reduzieren, fällt mir ausgesprochen schwer. ich liebe die vielfalt - so ist es auch bei den speisen ...
spürbar machen
ein thema aufgreifen, reinspringen, interpretieren, abschmecken - remixen. für den leidenschaftlichen koch, fotograf, musiker, filmemacher und grafik-designer michael langoth ist diese mischung voraussetzung, um neues, kreatives entstehen zu lassen. egal ob bei einer speise, bei einem musikstück, bei einem videofilm oder auch im leben. intuition und der „sinnliche ansatz“ stehen für langoth weit vor rationeller und konzeptioneller vorstellung und planung.
„kochen und essen kann nie digital werden,“ ist der koch und liebhaber frischer zutaten und gewürze, michael langoth fast erleichtert, wenn er über die zunehmende „ent-sinnlichung“ in vielen lebensbereichen nachdenkt. der 48-jährige multi-künstler ist neben seiner leidenschaft als koch auch als grafik-designer, musiker, fotograf und filmemacher tätig, hat daher einen sehr breiten und ganzheitlichen zugang zu darstellungsweise und ästhetischer wahrnehmung von produkten. seine prognose für die zukunft: die instrumentarien der feinfühligkeit werden stärker, eine gegenströmung zu profit- und ökonomischen sachzwängen bildet sich. gespür, „feeling“, sinne des einzelnen, manifestieren sich nicht nur in der gesellschaft sondern auch zunehmend in der wirtschaft. viele kleine netzwerke entstehen, die in sich immer größer anwachsen und als instrumentarien der feinfühligkeit großen einfluss ausüben. auch viele werbekampagnen vermitteln diese sehnsuchts-botschaften nach mehr zärtlichkeit, gefühl und genuss. solch „sinnliche entscheidungsprozesse“ sind es auch, die langoth bei seinen seit jahren durchgeführten, wöchentlichen koch-sessions zu immer wieder neuen und unvergleichlichen kreationen führen. „da koste ich beispielsweise einen apfel oder fenchel und denke mir, das könnte zusammen passen - und das mache ich dann auch.“ ohne planung und bewusstem wollen wird bei diesen „sinnlichen zusammenkünften“ alles dem zufall überlassen. die freude über das überraschende endergebnis ist dabei immer groß. genauso zufällig ist übrigens auch langoth’s soeben erschienene musik-cd „sentimental cooking“ entstanden, die natürlich in form eines groß angelegten koch-events präsentiert wurde ...

du bist fotograf, musiker, designer, videofilmer, leidenschaftlicher koch und darüber hinaus vater zweier kinder. wie geht sich das in 24 stunden alles aus?
knapp, aber doch ...

erinnerst du dich an bestimmte momente, stimmungen in deiner kindheit, die du besonders geliebt hast – die dich in deiner arbeit vielleicht sogar stilistisch bis heute geprägt haben?
ich war ein großer träumer als kind. ich konnte stundenlang abtauchen in vorgestellte welten, die zumeist überaus luxuriös waren: großzügige villen, prächtige gärten, bewohnbare stockbusse, luxusyachten, mit denen die ganze welt bereist wurde ... selbst flugzeuge und u-boote hatten schlafzimmer und bibliotheken. ich malte mir alles bis ins letzte detail aus, wusste wo jeder lichtschalter war und kannte jede schublade. diese vorstellungen waren überaus plastisch und realistisch. wenn dann alles genau geplant war und keine ungelösten details mehr zu finden waren, wurde der traum fad und die wirkliche welt hatte mich wieder. ich war auch ein echter baukastenfreak (matador) und bastler, immer auf der suche nach ausgefallenen kreationen, baute nie nach anleitung oder plan. gerade das gegenteil von dem „wie man es macht“ war für mich reizvoll. eigentlich wollte ich dauernd das rad neu erfinden - die welt von meiner genialität überzeugen.
aus meiner sehr frühen kindheit tauchen manchmal erinnerungen an ganz zauberhafte stimmungen auf, meist evoziert durch gerüche oder lichtstimmungen. das ist wie die erinnerung ans paradies. ich kenne die sehnsucht nach dieser art des geborgenen erlebens, wissend, dass es nicht erreichbar ist. aber vielleicht ist alles, was man kreativ erschafft auch ein versuch, diese magische welt ein bisschen „anklingen“ zu lassen ... spürbar zu machen.

was vermisst du in unserem von technologie, neuen medien, geprägten alltag am meisten?
intelligente kritik und querdenker. es ist manchmal unfassbar, welchen unbrauchbaren plunder die leute als cool empfinden! klingeltöne auf unbedienbare handys downloaden, digitalkameras mit 400-seitigen manuals, die erst 3 sekunden nach dem drücken auslösen, küchengeräte, für deren bedienung man eine einschulung braucht ... coolness ist heute wichtiger als brauchbarkeit. die grenze zwischen werkzeug und spielzeug, „tool und toy“ verschwindet.
mir fehlt eine präsente, kreative gegenwelt zu dieser industriell und medial erzeugten wirklichkeit. diese werkzeuge sollten besser genutzt werden und vielfalt und utopie erzeugen, anstatt einheitsbrei.
was mir auch fehlt, sind sinnliche interfaces. die bedienung eines gerätes über tipptasten und menüführung kann eine qual sein und bis zur absoluten unbrauchbarkeit führen. mit wehmut sehnt man sich nach dem guten alten drehregler zurück, bei dem man nicht nachdenken muss, was man tut. das ist ein weites, offenes feld für designer: sinnliche, intuitive benutzeroberflächen, welche die brauchbarkeit jedes geräts enorm erhöhen und das manual überflüssig machen.

suchst du die konzentrierte stille, damit dich „die muse küsst“ oder ist es eher eine dynamisch-urbane atmosphäre, die dich in deiner kreativität beflügelt? ist der zeitpunkt der ideenfindung überhaupt absehbar?
ich brauche beides oder besser gesagt, den gegensatz aus beidem: die spannung und konfrontation der großstadt, die einem ständig ein bisschen in den arsch tritt, damit man sich bewegt einerseits, und den meditativen rückzug, das schweigen und denken andererseits. der zeitpunkt der einfälle ist nicht absehbar, die kommen immer überfallsartig. aber ein kleiner kontrollierter wutanfall kann manchmal helfen. im übrigen gilt für mich: je mehr man den zufall zulässt, je mehr das wollen vergessen wird, desto besser laufen die dinge.

wie bringst du intuitives, kreatives handeln und rationalität, beispielsweise wenn du für ein unternehmen einen industriefilm drehst, zusammen?
ich vergesse die rationalität und verlasse mich auf meine intuition. das kann ich aber erst, seit ich jenseits der vierzig bin. vorher gab es viele jahre der angestrengten planung und stressgeplagten mühe, keine fehler zu machen. das waren aber wichtige lehrjahre, ohne die meine heutige entspanntheit nicht möglich wäre. zuerst musst du alles lernen und wissen, dann musst du es wieder vergessen, damit es bestandteil der intuition wird.

woher kommt eigentlich deine große leidenschaft für das kochen. deine wöchentlichen „koch-sessions“ sind ja legendär ...?
einerseits kommt das von meiner mutter, die das kochen richtig gelernt, später sogar unterrichtet hat. meine mutter verfügt über ein großartiges gespür, die dinge richtig zu machen. so habe ich die erfahrung gleichsam mit der muttermilch eingesogen. aber vorerst hat es mich eigentlich nicht besonders interessiert, erst später, so mit fast dreißig, und da war es schon ein kulturhistorisches interesse. beispielsweise: wie verändern sich esskulturen? welche unterschiedlichen traditionen gibt es? welche rolle spielen prestige und moden? woher kommt die bohne? was hat man früher gegessen? und so weiter. dabei war der künstler und theoretiker peter kubelka mit seinen überaus sinnlich-aktionistischen vorlesungen über kochen als montagekunst und die parallelen zu film und musik sehr wichtig für mich.
dann bin ich über meinen job als fotograf mit schwerpunkt „food-fotografie“ natürlich mit vielen köchen und gourmet-kritikern zusammen gekommen. daraus haben sich auch freundschaften entwickelt, vor allem mit lorenzo morelli, der kunsthistoriker, koch, stylist und kritiker in einer person ist. wir sind in der lage mehrere stunden über ein gewürz zu reden, ohne dass es aufhört spannend zu werden. heute koche ich am liebsten ohne plan, entdecke meine zutaten mehr oder weniger zufällig auf dem markt und improvisiere. es ist eine lustvolle meditation: man entwickelt ein gespür für proportion und die richtige sinnliche balance, was ja nicht nur für das kochen selbst wichtig ist, sondern eigentlich für alles im leben.
ich koche viel für meine beiden töchter und für freunde. auch gemeinsame koch-sessions finden statt. seit jahren gibt es bei mir in der wohnung jeden freitagabend so etwas wie einen „kochsalon“ mit 8 bis 14 gästen. nach dem essen fließt das zusammentreffen dann sehr oft in eine musiksession über. bei mir liegen küche und tonstudio, inklusive einer instrumentensammlung, tür an tür.

worin liegen für dich die verbindenden elemente zwischen kochen und musik machen?
da fällt mir zuerst vor allem ein begriff ein: remixen. kochen ist ja die eigentliche remix-kultur. nie wurde und wird eine speise aus dem nichts erfunden, immer wird auf traditionen aufgebaut, aber immer mehr oder weniger verändert, neu gemischt. jedes essen ist ein unwiederholbares unikat, ein echtes original. obwohl die nahrungsmittelindustrie alles daransetzt, diese tatsache zu unterwandern, wird sie es hoffentlich nicht schaffen. zumindest ist eines sicher: kochen und essen kann nie digital werden – wovon kann man das heute sonst noch behaupten ... selbst beim sex bin ich mir da nicht sicher. somit ist essen unsere hauptverbindung zur sinnlich-stofflichen welt, denn: kochen ist die mutter jeglicher kreativität. aber wir waren bei der analogie des remix. gerade bei der zeitgenössischen, computergenerierten musik wird das sehr deutlich: da werden keine vorher geplanten kompositionen eingespielt sondern zutaten vermischt und verarbeitet, sogenannte samples oder loops. diese werden zufällig gefunden, gesammelt, am „markt“ eingekauft oder selber hergestellt - quasi selbstgezüchtet. diese zutaten werden dann gemixt, gekostet, abgeschmeckt und mit ein bisschen gewürz, beispielsweise in form eines scharfen hihat-loops, angereichert. anschließend wird wieder abgeschmeckt und so weiter. nun könnte ja dabei alles mit allem gemischt werden, was beim kochen dann jedoch grauenhaft schmeckt oder klingt. in beiden fällen ist es deshalb wichtig, eine ganz feinfühlige balance zu finden. urplötzlich passen zutaten dann zusammen - oft weiß man nicht genau warum, aber man schmeckt und hört es.

heutzutage regiert sehr oft der kühle blick des „nützlichkeitdenkens“. nun scheint sich unter vielen menschen, aber auch in der wirtschaft, ein umdenken abzuzeichnen. man könnte auch von einem „sinnlichen ansatz“ in der gesellschaft sprechen, der sich in vielen kleinen netzwerken, werbekampagnen, mediatoren usw. manifestiert. welche auswirkungen, glaubst du, wird diese entwicklung auf das soziale gefüge haben?
seit den achtzigerjahren herrscht der siegeszug des rationalen utilitarismus und immer größere hierarchische wirtschaftsstrukturen entstehen. doch gerade diese hierarchien blockieren diese systeme selbst. alle entscheidungen müssen durch „quality-management“-prozesse in form von endlosen vorschriften und ökonomischen sachzwängen gepresst werden. das mag vielleicht vorteile haben, aber es hat ganz sicher wesentliche nachteile: unflexibilität, entscheidungsunfähigkeit und mangelnde kreativität. das gespür der einzelnen mitarbeiter ist nicht gefragt, hierarchische machtstrukturen verhindern kreativität. stattdessen wird angestrengt versucht mit den mitteln der markt- und meinungsforschung so etwas wie den „durchschnitt“ des geschmacks der menschen rational zu erfassen und ästhetische entscheidungen danach zu treffen. es ist wie eine kreischende rückkopplung in der gesellschaft, die kreativität und vielfalt verhindert. das ist natürlich ein jammer, der als solcher immer spürbarer wird. ich glaube schon, dass die gesellschaft darauf reagiert: die industrie selbst bedient sich immer mehr der kreativen leistungen von ganzen heerscharen von „kleinen und freien“ dienstleistungs-unternehmen, die auch mehr einfluss und damit macht bekommen: designer, werbeleute, fotografen, filmer, forscher, trainer, coaches, mediatoren etc. und diese leute haben meistens etwas gemeinsam: sie sind unabhängig, außerhalb jeder hierarchie, und wenn sie gut sind, verlassen sie sich auf ihr gespür. und sie sind kreativ. insofern könnte man das einen „sinnlichen ansatz“ nennen.

dinge werden erst in ihrem wesen sichtbar, wenn man ihnen eine seele, eine sinnliche note gibt. welches gefühl versuchst du mit deinen fotos, filmen, deiner musik, beim betrachter, zuhörer zu erzeugen?
das weiß ich nicht, oder zumindest kann ich es nicht benennen. weil es eben ein gefühl ist, ist es sprachlich nicht fassbar. oder anders gesagt: es sind einfach meine gefühle, die ich für andere spürbar machen will.

gibt es ein bestimmtes ziel, ein projekt, das du unbedingt realisieren möchtest, oder ist der weg das ziel?
du sagst es! man kann das kein projekt nennen, aber ich habe den wunsch, mich immer mehr auf den zufall einzulassen, auf das was gerade passiert, indem es mir begegnet. ich finde das wesentlich spannender als das, was immer wieder mit dem unsympathischen begriff „lebensplanung“ bezeichnet wird.

feinfühligkeit scheint die ironie, den zynismus der letzten jahre abzulösen. gerade in zeiten massiver brutalität ist respekt, harmonie, zum überlebensprinzip geworden. meinst du, besinnen sich die menschen wieder auf ursprüngliche verhaltensformen? „back to the roots” auf allen ebenen?
eigentlich fürchte ich mich vor den ursprünglichen verhaltensformen. das ist es ja, was gerade überall passiert: fundamentalismus! der blick nach hinten funktioniert nicht und ist immer gefährlich. er führt zu einschränkung und verbohrtheit, ist geradezu sinnlichkeits-feindlich. er blockiert alles. und mit fundamentalismus meine ich bei gott nicht nur die islamische welt, sondern sehe ihn überall - auch bei uns.
auch bei dem begriff „harmonie“ bin ich vorsichtig. da schwingt auch „langeweile“ und „illusion“ mit. das hatten wir schon 1968, als zum letzen mal eine periode der härte durch feinfühligkeit, aber auch naivität, abgelöst wurde. eine „neue feinfühligkeit“ müsste komplexität und relativität als die spannendere und kreativere, somit auch erfolgreichere methode erfassen können, um sich gegen brutalität und zynismus durchzusetzen. respekt ist dabei eine voraussetzung.
helmut wolf
pool journal